Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese
Marstempelthese
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Angelo
Poliziano

Auch Angelo Poliziano vertritt im Brief an seinen Schüler Piero de’ Medici die Auffassung vom antik-heidnischen Ursprung des Florentiner Baptisteriums
als Marstempel.

Polizians Darlegung inauguriert darüberhinaus eine neue Auffassung vom Ursprung der Stadt:
 nicht Caesar oder Sulla, sondern Oktavian-Augustus habe die Stadt gegründet.
Polizian beruft sich hierbei auf eine in der mediceischen Bibliothek von ihm neu entdeckte Quelle, den sog. ‘Liber Coloniarum’.

Dass das Leitbild des ersten römischen Kaisers dem politischen Selbstverständnis der Medici am Ende des 15. Jahrhunderts durchaus entgegen kam, mag die bibliothekarische Entdeckung Polizians befördert haben.

Gestützt durch die Autorität Salutatis und Brunis blieb die Auffassung einer sullanischen Gründung von Florenz bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts unangefochten in Geltung. (1)

(1) Vgl. Baron 1955, Crisis, S. 57 f. u. Rubinstein 1957, S. 104.

Erst in den neunziger Jahren kommt erneut Bewegung in die Diskussion um den Ursprung der Stadt Florenz. In einem nach 1492 verfaßten Brief an seinen Schüler Piero de' Medici  widerspricht Angelo Polizian der vorherrschenden Auffassung einer sullanischen Gründung von Florenz (Florentiam ... aliam prorsus habuisse originem, quam quae ab historiae scriptoribus prodatur), (2) und stellt die These auf, Florenz sei unter dem 2. Triumvirat des Octavian, Marc Anton und Lepidus von Soldaten des späteren Augustus gegründet worden (Deduxere igitur Florentiam Coloniam Triumviri, Caius Caesar, qui deinde Augustus, Marcus Antonius, et Marcus Lepidus). (3)

(2) Epistola ad Petrum Medicum, ed. Basel 1522, S. 4.
Zur Datierung des Briefes vgl. Wazbinski 1980, S. 949, n. 49.

(3) Epistola ..., S. 5.

Polizian begründet seine Revision mit der Schrift eines bisher unbeachtet gebliebenen römischen Autors des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, des Julius Frontinus, dessen Liber Coloniarum mit dem entsprechenden Passus von ihm in der mediceischen Bibliothek entdeckt worden sei. (4)

(4) "Quod apud Iulium Frontinum reperio celeberrimum scriptorem, qui Nervae aetate floruit, in libro de agrorum mensuris, quem tu librum domi habes Petre Medices vetustissimum."  (ebd.)
Die Zuschreibung des Liber Coloniarum ["Liber de agrorum mensuris"], ein erst im 5. Jh. abgefaßter Auszug einer älteren kaiserzeitlichen Schrift, an Frontinus wird von der Forschung heute verworfen; vgl. Schanz/Hosius: Geschichte der römischen Literatur, II, München 1935, S. 803; H. Chantraine in: Der kleine Pauly I, Sp. 816, s.v. Balbus; und  Rubinstein 1957, S. 105 f.
Rubinstein (ebd.) gibt eine ausführliche Analyse der Sammelhandschrift Cod.Plut.29,32 der Biblioteca Laurenziana, welche den Auszug des Liber Coloniarum mit dem Passus über die Gründung von Florenz durch die Triumvirn enthält. Die Namen des Octavian, Marc Anton und Lepidus sind in diesem Zusammenhang freilich nicht genannt, doch geht nach Rubinstein aus einer anderen Stelle hervor, daß die Imperatoren des 2. Triumvirats gemeint sind.
Vgl. auch Baron 1955, Crisis, S. 58.
- Zum Quellenwert des Liber Coloniarum vgl. die widersprechenden Aussagen bei Davidsohn, Forschungen I, S. 8 und Rubinstein 1942, S. 227.

Anders als bei Sallust und Cicero, deren Berichte über die catilinarische Verschwörung allenfalls indirekt einen Hinweis auf eine Florentiner Siedlung enthielten, spricht der anonyme Liber Coloniarum expressis verbis von der colonia Florentina, die nach dem julischen Gesetz gegründet worden sei. (5)

(5) "Colonia Florentina deducta a triumviris, adsignata lege Julia, centuriae Caesarianae in jugera CC per kardines et decimanos (...)"
(Zitiert nach Davidsohn, Forschungen I, ebd.)

Vermag Polizian so eine neue antike Quelle über den römischen Ursprung der Stadt Florenz anzuführen, so zeigen seine weiteren Bemerkungen, daß sein Urteil nicht allein als Resultat einer historisch-wissenschaftlichen Untersuchung aufgefaßt werden kann. (6)

(6) Wenn Polizian hier als Urheber der Auffassung einer Entstehung von Florenz unter dem 2. Triumvirat (und damit unter Oktavian-Augustus) betrachtet wird, dann ist dies vor dem Hintergrund der Rezeptionsgeschichte zu verstehen, denn fast alle späteren Schriftsteller nennen ihn als Autor dieser Auffassung.
Eine Ausnahme bildet allerdings Varchi (Storia Fiorentina, ed. Köln 1721, S. 242), der als eigentlichen Urheber dieser Auffassung Maffei Volterano nennt.

Denn an die Mitteilung, die Kolonisten seien Soldaten Caesar Octavians gewesen (Coloni ... Caesariani milites) knüpft Polizian die Feststellung, die Gründung von Florenz durch die Triumvirn habe der Stadt von Anfang an eine unvergleichliche Stellung unter den italienischen Städten verliehen, da sie als einzige von drei Imperatoren, darunter dem größten (summus) erbaut worden sei. (7)

(7) "Ita quod nulli umquam contingit, a tribus imperatoribus, quorum unus omnium summus, alter etiam pontifex maximus, orta est Florentia." (Epistula ..., S. 5.)

Der Vorrang von Florenz, den Bruni und der Redner des Paradiso der Formulierung Ciceros von den besten und tapfersten Männern (optimi et fortissimi viri ) entnommen hatten, (8) ergibt sich für Polizian in analoger Weise aus der überragenden Tüchtigkeit der ersten Siedler von Florenz (primi viri, quorum virtuti nulla nec arma, nec munimenta ... restiterunt), ohne daß er für diese Charakterisierung in der sachlichen Mitteilung des Liber Coloniarum einen Anhaltspunkt aufzeigen könnte. (9)

(8) Vgl. die Kapitel zum Paradiso degli Alberti (III, 1) und zu Leonardo Bruni (III, 3) w.o.

(9) "Cives autem primi viri illi fuerunt, quorum virtuti nulla nec arma, nec munimenta, nec robora restiterunt."  (Epistola ..., ebd.)
Polizian stellt durch die Verwendung ähnlicher Epitheta (summus - primi) die Söldner rangmäßig in die Nähe ihrer Feldherren, eine Angleichung, die weder durch die Nachricht des Liber Coloniarum irgendwie angedeutet, noch historisch im entferntesten gerechtfertigt ist. In dieser Quellenauslegung nähert sich Polizian vielmehr dem Verfahren Luigi Marsilis und Brunis an, deren Ciceroparaphrasen zum höheren Ruhm von Florenz eine Uminterpretation der Quelle vorgenommen haben (s.o.).

Noch in einem weiteren Punkt lehnt sich Polizian an die Auffassung seiner Vorgänger auf dem Gebiet Florentiner Geschichtsschreibung an, und zwar in der Einschätzung des Baptisteriums als eines ehemaligen Marstempels und unversehrt aus der antiken Gründungszeit der Stadt erhaltenen Bauwerks. (10)

(10) "Unum antiquitatis in ea vestigium pulcherrimum extat adhuc, templum hoc mirifica structura olim Martis, nunc Praecursoris titulum gerens."  (Epistola ..., S. 7.)

Diese Ansicht begründet Polizian ganz allgemein mit der Verehrung, welche der heidnische Kriegsgott unter den Anhängern Caesars genossen und später Augustus veranlaßt habe, dem 'rächenden Mars' (cognomento ultori) auf dem Forum in Rom einen Tempel zu errichten. (11)

(11) "Etenim Martem Romani originis authorem, Martem Caesariani potissimum colebant milites orbis terrarum victores, Martem praecipuus vestrae urbis conditor Augustus, ut cui Romae quoque medio foro cognomento ultori posuit templum."  (ebd.)

Es fällt schwer, die Ausführungen Polizians zur Gründungsgeschichte von Florenz ausschließlich der Rubrik 'wissenschaftliche Kritik der Überlieferung' zuzuweisen, auch wenn sein Hinweis auf den Liber Coloniarum wohl zum ersten Mal eine sichere literarische Quelle zum römischen Ursprung von Florenz auswertet. Denn Polizians Hinweis haftet etwas vereinzeltes und zufälliges an; der Quellenbeleg aus dem Liber Coloniarum steht isoliert und findet keine Fortsetzung in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Überlieferung. Stattdessen schließen sich Bemerkungen über das Heldentum der ersten Siedler von Florenz und der Hinweis auf den Marstempel an, wie sie ähnlich schon die früheren humanistischen Darstellungen enthalten hatten.

Wenn Polizians Brief wissenschaftsgeschichtlich eine quellengestützte Neudatierung des Ursprungs der Stadt begründet, dann legen die historischen Umstände - Lorenzo de' Medici war 1492 gestorben und Piero hatte dessen politische Erbschaft angetreten - außerdem noch andere Motive für die Niederschrift seiner brieflichen Abhandlung nahe: Der Humanist knüpft eine pädagogische Lehre an die historische Nachricht von der Gründung der Stadt unter dem 2. Triumvirat und stellt seinem Schüler die Person des Gründers Octavian-Augustus als Leitbild politischen Handelns vor Augen. (12)

(12) "Haec sunt mi Petre, quae de Florentia (...) apud reconditos quidem, sed idoneos tamen authores invenerim: quae, nisi fallor, civibus nostris, tibique gratissima esse debent."  (Epistola ..., S. 8; Herv., G.S.)

Nachdem am Anfang des Jahrhunderts der Florentiner Staatskanzler Bruni die Entstehung von Florenz in römisch-republikanischer Zeit als Ruhmestitel der Stadt verkündet hatte, sieht Polizian jetzt umgekehrt im späteren römischen Friedenskaiser das angemessene Vorbild für den neuen inoffiziellen Regenten der Stadt. (13)

(13) Piero de' Medici konnte die Erwartungen seines Lehrers nicht erfüllen. Es gelang ihm nicht wie seinem Vater, die Rivalitäten der konkurrierenden Florentiner Familien auszugleichen, und nach nur zwei Jahren mußte er 1494 (im Todesjahr Polizians), die politische Führung an den Dominikanermönch Savonarola abtreten: 
"Piero de' Medici, Lorenzos Sohn, brach das von seinen Vorgängern befolgte Regierungs-"System", sich als primus inter pares in einer Stadt zu behaupten, die formal eine republikanische Regierung hatte, und sich dabei mit einer entsprechenden Ämterverteilung, einer geschickten Ehepolitik und der Vergabe von Privilegien die bedeutendsten florentinischen Familien zu verpflichten. Innenpolitisch zentralisierte Piero de' Medici die Macht zu sehr und verfeindete sich auch die Aristokraten, die - wie Bernardo Rucellai oder Paolo Antonio Soderini - seinen Vater unterstützt hatten. Die Situation wurde noch schwieriger durch die Anhänger des Savonarola, des Prior von San Marco, der 1489 nach Florenz gekommen war, hier eine religiöse und politische Reform predigte und besonders in den mittleren und unteren Gesellschaftsschichten viele Anhänger fand. (......). Ein Volksaufstand zwang ihn [Piero] zur Flucht aus der Stadt. Der Medici-Palazzo in der Via Larga wurde von der aufgebrachten Bevölkerung geplündert. Ende 1494 wurden die von Lorenzo geschaffenen Magistraturen durch eine neue republikanische Verfassung aufgehoben." (Brucker 1984, S. 254)

Das veränderte politische Umfeld und die unterschiedliche Stellung der Adressaten - am Beginn des Jahrhunderts gelehrte Kreise der Stadt und eine Bürgerschaft, die sich gegen äußere Gegner unter dem Banner republikanischer Freiheit versammelt hatte, am Ende des Quattrocento der Erbe einer Familie, die sich im Verlauf des Jahrhunderts eine beherrschende Stellung im politischen Leben erworben hatte - spiegelt sich in den beiden Gründungsversionen des Leonardo Bruni und des Angelo Polizian, die nicht nur mit der Berufung auf unterschiedliche Quellen erklärt werden können. (14)

(14) Vgl. Rubinstein 1957, S. 106:
"(...) è forse lecito pensare che questa rivendicazione delle origini imperiali di Firenze gli fosse gradita anche per ragioni politiche - va tenuto presente che egli si rivolgeva a Piero, nella stessa lettera, come occupante a Firenze " principem locum, sicut diu maiores tui " - allo stesso modo in cui l'asserzione delle origini repubblicane di Firenze era stata gradita a Leonardo Bruni."
Hierbei ist es bezeichnend, daß Polizian keinen Versuch unternimmt, die Auffassung Brunis zu widerlegen, indem er etwa dessen Quelleninterpretation als falsch aufzeigt (wozu er die Stellen bei Sallust und Cicero anführen und analysieren müßte), sondern sich damit begnügt, die Stelle des Liber Coloniarum als Beleg einer revidierten Ursprungsversion anzuführen.

In einem Punkt aber waren sich die beiden Autoren vom Beginn und vom Ende des Jahrhunderts einig: daß der Ruhm von Florenz auf seinem antik-römischen Ursprung beruhe und daß dieser Ursprung durch nichts besser dokumentiert sei als durch das erhaltene Bauwerk des antiken Marstempels, dessen herausragende Stellung in den Ausführungen eines Coluccio Salutati, Leonardo Bruni und Giovanni da Prato, eines Poggio Bracciolini, Cristoforo Landino und Angelo Poliziano das ganze Jahrhundert über unangetastet blieb. (15)

(15) Die singuläre Stellung der Taufkirche als Zeuge für den antiken Ursprung der Stadt thematisiert auch ausführlich die in den achtziger und neunziger Jahren entstandene Historia Florentinorum des damaligen Kanzlers und Schützlings der Medici, Bartholomeo Scala (Bartholomaei Scalae Equitis Florentini de Historia Florentinorum quae extant in Bibliotheca Medicaea, edita ab Oligero Jacobaeo. Rom 1657).
Scala läßt die Frage des Gründers der Stadt offen. Wichtig ist ihm v.a. die Tatsache der römischen Deszendenz der Stadt (constantior fama est Florentinorum gentem ducere genus a Romanis; op.cit., S. 6.) wobei ihm als Hauptzeuge wieder der antike Marstempel dient (id templum ad nostrum usque aetatem incorruptum manet; op.cit., S. 8), dessen Geschichte der Autor ganz im Sinne der Villanischen Marstempelthese wiedergibt. ("Postea vero quam acceptus est in urbem Christus Salvator, quod antea Marti dicatum fuit, Ionnis deinde Baptiste Templum est (...). In medio super Columnam Simulachrum Martis fuit sedentis in equo, quod deinde in veterem pontem receptis Christianorum sacris transtulere." op.cit., S. 9). 
Vgl. Rubinstein  1964.

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