Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese
Marstempelthese
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
nächste Seite

Antonio Lumachi (1782)

Antonio Lumachi ist einer der profiliertesten Vertreter des im 18. Jahrhundert blühenden Quellenstudiums. Sein Interesse ist vor allem auf den Status von S.Giovanni in dessen Geschichte gerichtet: Lumachi untersucht die Frage, ob sich aus den unterschiedlichen Bezeichnungen von San Giovanni auch unterschiedliche Nutzungen der Kirche als Parochial-, Kathedral- oder Taufkirche ableiten lassen.

Daß die Marstempelthese gegen Ende des Jahrhunderts als überwunden galt, zeigt sich in den ersten Passagen von Lumachis Memorie storiche dell'antichissima Basilica di S.Giovanni Batista daran, daß der Autor ihr eine beinahe liebevolle Aufmerksamkeit widmet. Er referiert die novellistischen Berichte der alten Chroniken, wonach jeder Bau der alten Florentia seine Entsprechung in Rom gehabt habe und das Pantheon Vorbild des Baptisteriums in seiner ursprünglichen Gestalt als Marstempel gewesen sei.  (1)  

    (1)  „La bella Firenze, emula sempre fino dal nascer suo, ed imitatrice delle Romane grandezze, (...),      come Roma, superbi edifizj, e Foro, e Terme, e Acquedotti, e Teatro, e Anfiteatro, e secondo alcuni, anco il Tempio di Marte (...).“ (Lumachi 1782, S.1.)
       „(...) quasi a somiglianza del famoso Panteon di Roma, un magnifico Tempio, qual’è il nostro San Giovanni.“ (ebd.)

Lumachis Darlegung der Ursprungsgeschichte bzw. -legende des Baptisteriums steht in deutlicher Abhängigkeit von Richa, was sich daran zeigt, daß er dieselben Zeugen der Marstempelthese in genau derselben Reihenfolge wie dieser angibt,  (2) ebenfalls Dante als Hauptautorität nennt, und den Dichter mit denselben Worten der ersten beiden Verse des Selbstmörderberichts der Divina Commedia (Inferno 13, 143 f.) anführt und schließlich auch Dantes Bezeichnung der Florentiner als 'Volk des Mars' (Popolo di Marte) erwähnt.   (3)

    (2)  „(...) sono Dante, il Boccaccio, Francesco Sacchetti, i due Palmieri, L’Aretino, il Poliziano, il Baldinucci, il Borghini, e molti altri (…).“     (ebd.)

    (3)  Vgl.  op.cit., S. 3 f.

Lumachi zeigt, daß er bereits auf eine reiche Forschungstradi­tion zum Florentiner Baptisterium zurückblicken kann. Gegenüber den Vertretern der Marstempelthese, etwa Borghini, sieht sich Lumachi in einer anderen Tradition gelehrter Beschäftigung mit dem Baptisterium stehen, die er – historisch richtig - auf den Gegenspieler Borghinis, auf Girolamo Mei zurückführt.  (4)

    (4)  „(...) Girolamo Mei, il quale morì in Roma nel secolo decimosesto, circa, cioè, dugenti anno sono, contemporaneo ed amico del Borghini suddetto, al quale così diceva:
       ‘Tengo, come per cosa certa, che tanto sia egli (S.Giovanni) mai stato Tempio di Marte Ultore (...). Io non dubito quanto a me punto, che questa sempre fu Chiesa Cristiana, e fatta perciò dal suo principio ec., e la forma sua ottangolare (...) in certo modo ce lo confessa.’“
    (Lumachi 1782, S. 5.)

Die Art und Weise, wie Lumachi die Ergebnisse der Baptisteriums­forschung präsentiert - er spricht wiederholt von nostri Scrittori oder auch den Scrittori moderni -   (5), läßt erkennen, daß er im Bewußtsein allgemein anerkannter Ergebnisse argumentiert.

    (5)  op.cit., S. 2 und  S. 6.

Mit Gelassenheit hält er an der Einsicht fest, daß die Verwendung von Spolien und die Art dieser Verwendung eine Entstehung des Baptisteriums in antiker Zeit ausschließen,   (6) wobei er nicht versäumt, nach dem Beispiel Del Migliores und Nellis auf die verkehrt eingebaute Marmorplatte hinzuweisen, welche geradezu von einer Geringschätzung römischer Imperatoren zeuge (non avere in pregio le antiche memorie degl’Imperatori(7)

    (6)  „(...) la nostra Basilica di S.Giovannní fabbricata dai Cristiani, co’ materiali però degli edifizi Pagani già distrutti, e dedicata fin da’ primi tempi al culto di detto Santo.“  (op.cit., S. 6.)
       „(...) tal fabbrica coi materali composta di altre anteriori, ad uso forse di culto Pagano, ma non mai originariamente e dalla sua istitúzione a ciò destinata.“  (op.cit., S. 9.)

    (7)  Vgl.  op.cit., S. 12 f.
             Vgl. hierzu unter vielen ähnlich lautenden Zeugnissen die Bemerkung Follini-Rastrellis (III, 1791, S. 5), welche von einer ‘Verachtung’ des antiken Kaisers sprechen (un si chiaro disprezzo di un l’Imperadore della stessa [sc. der heidnischen] Religione)

Nellis Datierung des Baus in die langobardische Epoche verknüpft Lumachi mit dem Versuch Lastris, den antikennahen Charakter des Baptisteriums dadurch zu erklären, daß die langobardischen Baumeister sich römische Thermen zum Vorbild für die Florentiner Taufkirche genommen hätten.  (8)

    (8)  op.cit., S. 8 f.

Die späteren baulichen Veränderungen am Baptisterium betreffen nach Lumachi nur die Verkleidung, und das heißt in Bezug auf den Außenbau von San Giovanni, dessen Inkrustation;  (9) den gegenwärtigen Zustand beschreibt Lumachi als Resultat von Veränderungen und Ergänzungen, welche nach und nach dem Bau hinzugefügt worden seien. (... resulta dai cangiamenti del quale si vedranno al suo luogo ne progresso di queste memorie).   (10)

    (9)  „Finalmente all’esterno non eravi quell’incrostatura di marmi verdi e bianchi, nè tutto quell’ornato che vi si osserva inoggi; ma semplice e forse di nudi macigni quadrati.“        
    (op.cit., S. 14.)

    (10)   op.cit., S. 13.

Die Vorstellung vom langobardischen Ursprungszustand, die sich aus Lumachis weiterer Beschreibung ergibt, orientiert sich nun in auffallender Weise am Rekonstruktionsversuch eines Gelehrten, der die Rechtfertigung der Marstempelthese zu seinem Hauptanliegen gemacht hatte, an Borghini. Denn wie bei diesem hat auch bei Lumachi der – freilich christliche - Ursprungszustand des Baptisteriums nur einen Eingang im Westen, während der Altar im Osten liegt, und die späteren Portale sind wie bei Borghini gleichzeitig mit der Schließung des Westportals an der Süd-, Nord- und Ostseite neu eingebrochen worden.  (11)

    (11)   „(...) una sola porta d’ingresso dalla parte di Ponente, dove ora è la Tribuna. (....). Eravi un solo Altare, e questo a Levante, all’uso delle antiche Chiese dei Cristiani, e questo era dov’è la porta di mezzo in faccia al moderno Duomo.“  (op.cit., S. 14.)
             Die Auffassung eines ursprünglich einzigen Portals im Westen, welche viele Vertreter einer langobardischen Entstehung des Baptisteriums vom Protagonisten der Marstempelthese Borghini übernehmen, vertreten auch Follini-Rastrelli (III, 1791, S. 7 f.  und  S. 53.).

Mit der Publikation Del Migliores von 1684 war die Aufmerksamkeit der Forschung auch auf die spätere Geschichte der Kirche gerichtet worden. Während die Vertreter der Marstempelthese mit ihren ‘Wortführern’ Villani und Borghini den Wechsel vom heidnischen zum christlichen Kultus ohne Rekurs auf die späteren Quellen erörtert hatten (der Wechsel war bereits zur Zeit Konstantins und Papst Silvesters erfolgt), suchten Lumachi und seine Kollegen in den schriftlichen Zeugnissen nach Hinweisen zur ursprünglichen Bestimmung und Gestalt des Bauwerks.

Bereits Borghini war beim Studium der schriftlichen Überlieferung auf verschiedene Bezeichnungen des Bauwerks für den christlichen Kultus gestoßen, die er (freilich wenig überzeugend; s.o.) gegen die Vertreter einer christlichen Entstehung des Baptisteriums ins Feld geführt hatte, indem er darauf hinwies, daß der Bau in den kirchlichen Quellen nicht als Taufkirche sondern meist als Dom bezeichnet worden sei.

Hundert Jahre später hatte Del Migliore erneut die Statusfrage der Täuferkirche erörtert und anhand der Nachricht von der Überführung des Taufbeckens aus der ehemaligen Santa-Reparata-Kirche in die Kirche Johannes des Täufers im Jahr 1128 auf einen Wechsel in der Funktion von San Giovanni geschlossen.

Lumachi nun widmet der Frage nach dem ursprünglichen Status des Baptisteriums eine eigene Untersuchung. Er geht von der Größe und Pracht der Taufkirche aus, welche zur Zeit ihrer Erbauung noch stärker hervorgetreten sein müsse. Er beschreibt die Entstehungszeit der Taufkirche gleichsam als ‘Geburtszeit einer neuen Religion’ im Angesicht des ‘niedergehenden Heidentums’ (al culto della quasi ... nascente Religione, e sugli occhi della cadente Idolotria) - eine merkwürdige Charakterisierung für die Zeit des späten 6. Jahrhunderts - und meint, die Magnifizenz dieser Kirche habe sie in dieser Frühzeit zur Hauptkirche (Chiesa primaria) und damit zur Bischofskirche und Kathedrale der Stadt (primo seggio dei nostri Vescovi, loro Cattedrale) bestimmt.  (12)

    (12)   Lumachi 1782, S. 15.

Die Pracht des Baus und die Analyse der Dokumente sprechen nach Lumachi dafür, daß San Giovanni bis ins 12. Jahrhundert als Kathedralkirche gedient habe, eine Annahme, die er auch aus der Tatsache ableitet, daß der Bischof der Stadt seinen Namen stets nach dem Patronatsheiligen von Florenz, eben nach San Giovanni, geführt habe.   (13)

    (13)   „noi troviamo in tutte le antiche carte tuttora esisteni, il Vescovado sempre relativo al nome della Chiesa si sua residenza e perciò chiamato Episcopium B.Ioannis; Episcopium S.Ioannis Baptiste ec. ed in secondo luogo le soscrizioni de’ Vescovi sempre col titolo, Episcopus S.Ioannis, S.Flor. Eccl. Episcopus S.Ioannis, ovvero S.Ioannis Baptiste Servus et indignus Episcopus.“ 
    (op.cit., S. 17.)

             Die Frage, ob sich eine bestimmte Funktion der Taufkirche aus den unterschiedlichen Bezeichnungen ableiten lasse, welche dem heutigen Baptisterium - soweit diese Identität aus dem Zusammenhang der Dokumente unzweifelhaft hervorgeht - in den verschiedenen Quellen während all der Jahrhunderte beigelegt worden sind, ist bis heute nicht gelöst. Dem systematischen Studium der Quellen, welches zur Lösung dieser Aufgabe erforderlich wäre, wollte sich bis heute kein Forscher unterziehen.
             Toker (1976, S. 166 f.), der dieses Problem aufgegriffen hat , gibt in einem Anhang zu seiner archäologisch orientierten Untersuchung über das Florentiner Baptisterium eine Einführung in die Problematik, indem er die Termini Ecclesia, Basilica und Domus in ihrer architektonischen Bedeutung zu bestimmen versucht.
             Ein - negatives - Ergebnis seiner Darlegungen, die nur eine erste Sichtung des dokumentarischen Materials bieten, ist, daß die Gleichsetzung des Terminus domus mit dem modernen Begriff Kathedrale für das Florenz bis gegen die Zeit um 1100 unzulässig ist, da eine solche Kathedrale weder im klar definierten kirchenrechtlichen Sinn, noch auch baulich betrachtet existiert habe, und dieser Begriff eigentlich erst für die zweite Reparatakirche und dann für S.Maria del Fiore Gültigkeit besitze.

Lumachis Diskussion der Frage nach der ursprünglichen Bestimmung des Baptisteriums ist vor allem durch seine anachronistische Behandlungsweise bemerkenswert, denn der Autor datiert das Bauwerk zunächst unter Berufung auf Lastri in die Zeit der Langobardenkönigin Theodelinde (6./7. Jh.),  (14) setzt es dann aber bei Darlegung von dessen Kathedralstatus hundert Jahre früher in die Wende des 5. zum 6. Jahrhundert   (15) und bezeichnet die Zeit der Erbauung schließlich (wie erwähnt) als Geburtsstunde einer neuer Religion und des untergehenden Heidentums (nascente Religione ... cadente Idolotria), was eigentlich auf eine noch frühere Entstehungszeit hindeutet.

    (14)   „(...) il nostro primo Duomo o Chiesa Cattedrale, sin dal sesto secolo, e dedicata al gran Precursore al tempo della Regina Teodolinda (...).“ 
       (op.cit., S. 8, Herv., G.S.)

    (15)   „(...) la Basilica di S.Giovanni fu la prima Cattedrale e Duomo dall’ epoca suddetta tra il quinto e     sesto secolo fino al decimosecondo.“     (op.cit., S. 17, Herv., G.S.)

Dieser Anachronismus erscheint vor dem Hintergrund der Rezeptionsgeschichte des Baptisteriums nicht untypisch, weil er die Tendenz der Florentiner Forschung - soweit eine solche Verallgemeinerung überhaupt zulässig ist - dokumentiert, dem Bau des Baptisteriums im Zweifelsfall ein höheres Alter zu bescheinigen, auch dann, wenn die eigenen Ergebnisse eher für eine spätere Datierung sprechen.

nächste Seite
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
Marstempelthese
Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese