Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Kritische Kunstgeschichte
Marstempelthese
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
nächste Seite

Boccaccios
Esposizioni sopra
la Comedia

In diesem Kapitel wird anhand von Parallelstellen minutiös gezeigt, wie Boccaccio die berühmte Dante-Stelle (Inferno 13, 143-150) im Sinne Villanis und dessen Marstempelthese neu interpretiert

     Die Verbindung der Marstempelthese Villanis mit Dantes ganz anders gearteter Vorstellung vom bel San Giovanni, die Villani selbst herzustellen sich mit gutem Grund gescheut hat und die sich in den frühen Commedia-Kommentaren nirgendwo nachweisen läßt, findet sich offen ausgesprochen beim ersten offiziellen Dante-Kommentator der Stadt Florenz, bei Giovanni Boccaccio (1), und dort wird diese Auffassung eben an jenen Versen entwickelt, die bis heute als unumstößlicher Beweis dafür gelten, daß schon Dante das Baptisterium für einen antiken Marstempel gehalten habe.

(1) Esposizioni sopra la Comedia, ed. Padoan (1965); im folgenden abgekürzt Esposizioni genannt. - Gehalten hat Boccaccio seine Vorträge in der Kirche Santo Stefano della Badia zwischen dem 23. Oktober 1373 und Anfang 1374.

     Boccaccio bespricht gleich die ersten beiden Verse der betreffenden Textpassage (Inferno 13, 143 f.), in welcher der Selbstmörder im Hinweis auf den Wechsel des Patronats der Vaterstadt seine Herkunft aus Florenz zu erkennen gibt (Io fu della città che nel Batista / Mutò il primo padrone) in einer Weise, die nicht von der Situation des Gedichts ausgeht, sondern in gelehrter Manier den Umstand näher ausführt, daß mit dem primo padrone Mars gemeint sei.

   Die Stadt Florenz war nach Boccaccio
"signore dell'ascendente Marte". (2)

                         (2) Boccaccio, Esposizioni, S. 625, Herv., G.S.

   Vergleicht man diesen Satz mit der schon betrachteten Darlegung der Gründungsgeschichte bei Villani, so war dort zu lesen,
"che il detto idolo di Marti era consegrato sotto ascendente di tale pianeta." (3)

                         (3) Villani I, 60, ed. Dragomanni I, S. 82, Herv., G.S.

   Anschließend spricht Boccaccio ganz selbstverständlich vom Marstempel als
"quel tempio, il quale noi chiamiamo oggi san Giovanni" (4)

                         (4) Boccaccio, Esposizioni, S. 626; Herv., G.S.

   und beendet seine Beschreibung der heidnischen Epoche dieses Tempels ganz ähnlich wie Villani (nur etwas ausführlicher) mit der Überführung der Marsstatue vom Marstempel an die Arnobrücke, wobei er noch die Statue als
"di macigno a cavallo e armato" (5)

                         (5) ebd., Herv., G.S.

   beschreibt, während Villani sie als
"di marmo in forma d'uno cavaliere armato a cavallo" (6)
bezeichnet hatte.

(6) Villani I, 42, ed. Dragomanni, S. 66, Herv., G.S.
Ein Unterschied zwischen den beiden Beschreibungen der Marsstatue liegt nur darin, daß Villani sie als di marmo, Boccaccio aber als di macigno bezeichnet.

   Da diese Angaben durchaus nicht dem Bericht des Selbstmörders in Dantes Divina Commedia zu entnehmen sind, gibt uns Boccaccio diejenige Passage seines Kommentars, die er wohl selbst für problematisch gehalten haben mag - nämlich die Version von der Überführung der Marsstatue an den Arno anläßlich ihrer Entfernung vom angestammten Ort des Kultbildes aus der neuen Täuferkirche - nicht mit eigenen Worten, sondern als indirektes Zitat eines glaubwürdigen Gewährsmannes, und dieser ist kein anderer als Giovanni Villani:

'Und, da sie noch etwas vom alten Irrglauben verspürten (...), errichteten sie am Brückenkopf des Ponte Vecchio einen Pfeiler und stellten [das Bildnis] darauf: wie auch Giovanni Villani schreibt, daß dies nicht der erste Standort der Marsstatue gewesen ist, als man diese aus dem besagten Tempel entfernte, sondern daß sie zunächst auf einem hohen Turm am Ufer des Arno aufgestellt worden war.' (7)

(7) "E, per ciò che pure ancora sentivano alcuna cosa del pristino errore (...), fatto sopra la coscia del ponte Vecchio un pilastro, la vi poser suso: come che Giovanni Villani scriva questa non essere stata la prima posta della statua di Marte quando fu tratto del tempio detto, ma che egli fu posto sopra un'alta torre vicina ad Arno;" (Boccaccio, Esposizioni, S. 626, Herv., G.S.)

   Was schon die Gegenüberstellung bestimmter Formulierungen und Charakterisierungen ahnen ließ, wird durch Boccaccios eigene Worte bestätigt: seine Interpretation des Selbstmörderberichtes in Dantes Commedia ist ein indirektes Zitat der entsprechenden Ausführungen Giovanni Villanis in dessen Chronik. Von diesem übernimmt er nicht nur die storia der Marsstatuen-Überführung, sondern auch die keineswegs selbstverständliche Kennzeichnung der Marsstatue als Reiterstandbild. (8)

(8) Wie sich im weiteren Verlauf der Rezeptionsgeschichte zeigen wird, haben die archäologisch versierten Antikenkenner bald nachgewiesen, daß sich in der Antike keine Marsstatue als Reiterstandbild belegen läßt (s.u.).

   Weiter findet sich auch bei Boccaccio das Eingeständnis leichter Erklärungsnöte, denen sich die gleichzeitige Entfernung und Erhebung des heidnischen Götzenbildes im christlich gewordenen Florenz aussetzt, und so schickt er seiner Interpretation der Commedia-Stelle die Versicherung voraus, daß die Florentiner ancora sentivano alcuna cosa del pristino errore, eine Begründung, die Villani wiederum in der Formulierung erano ancora poco perfetti nella santa fede vorweggenommen hatte.

   Es war also Boccaccio, der die bis auf den heutigen Tag fortwirkende Meinung zum ersten Mal öffentlich darlegte, Dante habe die Thesen Villanis vorweggenommen. (9)

(9) Es ist sehr wohl vorstellbar, daß schon vor Boccaccio ein anderer Zeitgenosse in Florenz Dante explizit zum Zeugen der Marstempelthese angerufen hat, nachdem sich der Erfinder der Marstempelthese, Villani, noch mit einer deutlichen Anspielung begnügt hatte. Rezeptionsgeschichtlich faßbar jedoch hat erst Boccaccio die Autorität Dantes für die Marstempelthese öffentlich in Anspruch genommen und der vermeintlichen Zeugenschaft Dantes aufgrund seiner Stellung im gesellschaftlichen und geistigen Leben der Stadt Florenz den Charakter eines später kaum einmal hinterfragten Faktums verliehen.

   Boccaccio hat dies durch das einfache Verfahren erreicht, daß er Villani mit Dante kombinierte, indem er den Hinweis des Selbstmörders auf Mars (il primo padrone) und die Existenz einer Marsstatue (alcuna vista) an der Arnobrücke zum Anlaß nahm, den Villanischen Marstempel mit dem Danteschen primo padrone zu identifizieren.  (10)

(10) Eine weitere Tradition setzt mit dieser Art von Kommentierung ein: die Berufung der Interpreten auf Quellen, die sie nur noch in ihrer kommentierten Form zur Kenntnis nehmen, was im Falle der vorliegenden Dante-Passage (welche nur 8 Zeilen umfaßt) bei vielen Forschern zum Verzicht auf eine Überprüfung der Textstelle führte.

nächste Seite
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
Marstempelthese
Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese