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Dante und die
Marstempelthese
(Inferno 13, 143-150)

Im Kapitel ‘Dante und die Marstempelthese’ widerlegt der Verfasser die in der modernen Forschung weit verbreitete Meinung, bereits Dante habe das Florentiner Baptisterium für einen antiken Marstempel gehalten

Übrigens: Im ganzen Werk Dantes ist kein einziges Mal von einem Marstempel (tempio di Marte) die Rede

     Dante spricht an mehreren Stellen der Divina Commedia vom Baptisterium, dem bel San Giovanni,  und doch handelt es sich ausschließlich um eine einzige, ganz bestimmte Stelle, welche durch all die Jahrhunderte der Rezeptions- und Forschungsgeschichte hindurch seit dem 14. Jahrhundert Veranlassung zu der Behauptung gab, der Dichter sei dem Chronisten Villani in der Auffassung vom Baptisterium als ursprünglichem Marstempel vorangegangen. Giovanni Villani selbst nennt Dante nicht als Zeugen dieser Theorie, auch wenn er bei seiner Erzählung von der Überführung und Neuerrichtung der Marsstatue am Arno in der Motivation der Bürgerschaft auf die im folgenden zu besprechende Passage Dantes deutlich anspielt. (1)

     (1) Manche Stellen werden im Verlauf dieser Abhandlung berührt, doch da dies nach thematischen Gesichtspunkten geschieht, folgt hier neben der vermeintlichen Stelle (Inferno 13, 143-150) eine Übersicht über die tatsächlichen Verweise Dantes aufs Baptisterium:
a) Inferno 13, 143-150 (Bericht des Selbstmörders, in welchem freilich weder von einem Marstempel noch vom Baptisterium, sondern nur vom heidnischen Kriegsgott selbst und seinem Standbild die Rede ist.)
b) Inferno 19, 13-20 (Angesichts von Löchern, in denen Verdammte stecken, fühlt sich Dante an das Taufbecken im Baptisterium seiner Vaterstadt erinnert, genauer an eines der fori, aus denen er einst ein Kind vor dem Ertrinken gerettet hatte.)
c) Paradiso 15, 130-135 (Schilderung Cacciaguidas, des Urahn Dantes, von der Zeit seiner Kindheit, wobei er erwähnt, daß er im Baptisterium (nell'antico vostro Batisteo; 134) getauft wurde.
d) Paradiso 16, 22-27  (Bitte Dantes an seinen Urahn Cacciaguida, ihm vom Baptisterium, dem 'Stall des hl. Johannes', ovil di San Giovanni, zu berichten.)
e) Paradiso 16, 46-48  (Bericht Cacciaguidas von der Florentiner Einwohnerschaft seiner Zeit, die 'zwischen Mars und dem Täufer', das heißt im Gebiet zwischen der Marsstatue an der Arnobrücke und dem Baptisterium, ihre Wohnungen hatte.)
f) Paradiso 25, 1-11 (Sehnsucht des Dichters, dermaleinst im Baptisterium seiner Heimatstadt zum Dichter gekrönt zu werden.)

     Doch wird Dante bis heute in fast jeder Publikation zum Florentiner Baptisterium als Vorläufer der Villanischen Auffassung angeführt,  wobei sich eine ganz eigene Tradition der Auseinandersetzung herausgebildet hat, nämlich die betreffende Passage der Divina Commedia stets als Literaturverweis (Inferno 13, 143 - 150) anzugeben, jedoch nie im Wortlaut zu zitieren, wohl deswegen, weil eine Ansicht, die seit ungefähr 650 Jahren in Umlauf ist, nach Meinung der Forschung in jedem Fall richtig sein müsse. (2)

     (2) So u.a. Horn (1938, S. 100 u. Anm. 1), Paatz (1941, II, S. 211, n. 2), Rubinstein (1967, S. 69, n. 76), Jacobsen (1980, S. 225, n. 2), Busignani (1988, S. 22 f.) u. Paolucci (in: Battistero I, 1994, S. 8 (introduzione)).
Eine der wenigen Ausnahmen bildet Gruyer 1875, S. 271 - 273.

     Wie lautet nun die Textstelle, von der fast jeder Dante-Interpret und Baptisteriums-Forscher glaubt, in ihr sei implizit die Marstempelthese Villanis enthalten?
   Es sind dies nicht Worte, die der Dichter in eigener Person spricht, sondern Äußerungen eines Selbstmörders, dem Dante zusammen mit Vergil auf seiner Wanderung durch die Unterwelt begegnet und der sich den beiden Gefährten mit den Sätzen vorstellt:

'Der Stadt entstammt ich, die den Schutzpatron,
Den ersten, in den Täufer ließ verwandeln.
Dafür wird stets sie seine Kunst bedrohn;
Und würde heute nicht sein Bildnis prangen
Noch auf der Arnobrücke, hätten schon
Die Bürger, die einst an den Bau gegangen,
Als Attila zurückließ Asch und Graus,
Vergebens mit der Arbeit angefangen ...' (3)

     (3) Übersetzung nach Dante, Göttliche Komödie, ed. Hertz, S. 61.
Die Verse lauten im Original (zitiert nach Dante, Göttliche Komödie, ed. Gmelin, Inferno, S.160):
"Io fui della città che nel Battista /  Mutò il primo padrone; ond'ei per questo  / Sempre con l'arte sua la farà trista. /  E se non fosse che in sul passo d' Arno /Rimane ancor di lui alcuna vista, /  Quei cittadin che poi la rifondarno /Sovra il cener che d'Attila rimasse,  / Avrebber fatto lavorare indarno."
 Unter Berufung auf Giovanni Villanis Chronik (II, 1) vertritt Gmelin (Dante, Göttliche Komödie/Kommentar, S. 230) die These, Dante habe Attila mit Totila verwechselt. Dabei berücksichtigt Gmelin nicht, daß Dante keinen historischen Bericht, sondern eine poetische Fiktion gibt:
Obwohl die Zerstörung von Florenz durch Totila bereits in der Chronica de origine civitatis vom Anfang des 13. Jahrhunderts berichtet wird ("... idem Totilla flagellum Dei quamplures civitates, castra et loca Tusciae, Romaniolae, Lombardiae et Marchiae destruxit. .... Romani autem coeperunt cogitare qualiter Florentia reaedificaretur ..."; Chronica, ed. Hartwig, S. 58 f.) ist die von Gmelin angenommene Verwechslung durch Dante keineswegs zwingend. Denn der hundert Jahre früher lebende Attila (gest. 453; Totila gest. 552) war 452 gleichfalls in Italien eingefallen, kann also im Bewußtsein des patriotischen Florentiners durchaus dieselbe Rolle wie Totila gespielt haben; dieser aber wird in der Chronica wie bei Villani als 'Geißel Gottes' apostrophiert, während Attila im Bericht von Dantes Selbstmörder als Werkzeug des antiken Kriegsgottes Mars (wenn man so will: des Teufels) erscheint.
Vom poetischen Standpunkt aus jedenfalls sind die beiden historischen Personen austauschbar.
Wie weiter oben erwähnt, geht die Verwechslung von Attila und Totila in der Florentiner Historiographie bis ins 12. Jahrhundert zurück.

     Der geschaßte Patron von Florenz, der heidnische Kriegsgott, von Haß gegen die Florentiner getrieben, weil diese ihm Johannes den Täufer vorgezogen hatten, läßt durch Attila Florenz in Schutt und Asche legen; der historische Attila, der 452 in Italien eingefallen war, wird in der Vorstellung des abergläubischen Selbstmörders als ein Werkzeug des heidnischen Kriegsgottes interpretiert. Daß die Bürger von Florenz aber ihre Stadt wieder aufbauen konnten, liegt allein daran - und Dante läßt seinen elenden Gewährsmann ausdrücklich die Meinung vertreten, es hätte sonst nicht gelingen können -, daß die Bürger eine Marsstatue an der Arnobrücke dort stehen ließen (Rimane ancor di lui alcuna vista).

     Was Villani in seiner Chronik als allgemeines Bewußtsein der Bürger von Florenz zur Zeit der Christianisierung der Stadt kennzeichnet, wird von Dante als Äußerung eines verzweifelten Selbstmörders zunächst ganz offensichtlich charakterisierend verwendet. Indem die persönliche Aussage des Selbstmörders jedoch darüber hinaus auf ein allgemeineres Bewußtsein verweist - denn die Entscheidung, eine aus heidnischer Zeit stammende Marsstatue an der Arnobrücke stehen zu lassen, war die Tat der Florentiner Bürgerschaft und nicht nur die eines Einzelnen -, erscheinen die Aussagen des elenden Florentiners und Villanis Bericht einander durchaus verwandt.

     Und doch gibt es gewichtige Unterschiede: Diese liegen erstens in der aktiven Neuaufrichtung der Marsstatue an einem anderen Ort (Villani) gegenüber dem Verbleib (rimane) der Statue an der Arnobrücke (Dante), zweitens in der Verknüpfung der Marsstatue mit dem Baptisterium, die bei Dante völlig fehlt, und drittens in der Art dieser Verknüpfung, die sich bei Villani als absurder Anachronismus herausstellt.

     Denn so sehr Villani diesen Vorgang auch mit dem furchtsamen Aberglauben der im neuen Bekenntnis noch unsicheren Florentiner zu begründen sucht - die Darstellung der Übernahme des Christentums und die Erhöhung des abgesetzten heidnischen Patrons am Ufer des Arno als ein- und dasselbe Ereignis bleibt eine historische Unmöglichkeit.

     Bei Dante hingegen ist die Motivation zur Bewahrung der Marsstatue psychologisch einsichtig in der Furcht vor Attila und dem fortdauernden Aberglauben der Florentiner, die den Hunnenkönig als Werkzeug des vertriebenen Kriegsgottes betrachten, begründet.

     Doch wenn man einräumt, daß sich am Wortlaut der Danteschen Textstelle keine Erwähnung, ja nicht einmal eine Anspielung auf einen Marstempel als Vorläufer der Täuferkirche festmachen läßt, so ist die Behauptung noch immer nicht restlos aus der Welt geräumt, daß Dante an ein solches Verhältnis gedacht habe, und er habe es nur deswegen unterlassen, auch davon zu sprechen, weil die Marstempelthese die allgemeine Ansicht seiner Zeit gewesen sei, die den Zeitgenossen bei der bloßen Erwähnung des ehemaligen Patrons der Stadt sofort in den Sinn gekommen ist.

     Diese Meinung setzt voraus, daß nicht erst der um eine Generation jüngere Villani die Marstempelthese erfunden habe, sondern daß sie schon vorher allgemein in Umlauf war, worauf dann Dante ganz selbstverständlich rekurrieren konnte.
   Denn daß Dante selbst die Marstempelthese erfunden hat, ist ganz und gar unmöglich, man müßte denn das Paradoxon eines Erfinders annehmen, der seine Erfindung nie offen dargelegt, ja selbst den Namen 'Marstempel' (tempio di Marte) in seinem gesamten Werk nie ausgesprochen hat.
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