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Marstempelthese
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Die Marstempellegende
und die
Marstempel-Dante-Legende

Dieses Kapitel bietet ein erstes Resümee der vorangegangenen Untersuchung.
Es legt die Beweggründe dar, welche Giovanni Villani zur Erfindung der Marstempelthese bewogen haben.

Die gleichen Motive, die Villani bei Abfassung seiner Chronik bestimmten, führten in Florenz auch zur Vereinnahmung Dantes, der nach seinem Tod im Exil nur noch als ruhmreicher Sohn der Stadt galt.

   Das Resultat, das sich aus unseren bisherigen Untersuchungen ergibt, ist, daß Giovanni Villani in vollem Wortsinn der Erfinder der Marstempelthese ist, die man ihres fiktiven Charakters halber auch getrost als Marstempellegende bezeichnen kann.

   Giovanni Villani greift nicht auf eine bereits kursierende Überlieferung zurück, welcher er selbst nur als Sprachrohr gedient hätte, sondern er prägt die Marstempellegende aus einer Kombination vorhandener Überlieferungselemente: dem ursprünglichen Patronat des heidnischen Kriegsgottes Mars über die Stadt Florenz und der Übertragung dieses Patronats auf Johannes den Täufer, der Sage von einer Marsstatue an der Arnobrücke und der Errichtung Florentiner Bauten der Frühzeit nach dem Vorbild Roms. Giovanni Villani beruft sich bei der Darlegung seiner Marstempellegende nicht auf Dante, aber er spielt auf die einzig mögliche Stelle im gesamten Werk des Dichters an, in der sich Elemente der neuen Legende finden lassen.

   Erst Boccaccio macht aus der Anspielung eine Erklärung und kombiniert die Marstempellegende Villanis ausdrücklich mit der Passage des Dichters, in welcher der unglückliche Verdammte des Inferno von seiner Heimatstadt berichtet.

   Boccaccio wird so zum Begründer einer zweiten Legende, die bis zum heutigen Tag eine breite Wirkung bewiesen hat und noch andauert: denn während die Marstempellegende durch die archäologischen Forschungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts widerlegt ist und tatsächlich von keinem Forscher mehr vertreten wird, dauert die zweite Legende, die Marstempel-Dante-Legende, ungebrochen fort.

   Die Marstempellegende wurde - wie erwahnt - vom Herausgeber der Malespini-Chronik, Vincenzo Follini, zum ersten Mal mit Bestimmtheit auf den Chronisten Villani als ihren Urheber zurückgeführt. Indem Follini darüber hinaus ihren falschen Bezug auf Dante kritisierte, ist er zugleich der erste, der die Marstempel-Dante-Legende expressis verbis als falsch bezeichnete. (1)

(1) Vincenzo Follini veröffentlichte die Chronik der Malespini 1816; er erwähnt aber in seiner Kritik der Marstempellegende und Zurückweisung der falschen Berufung auf Dante auch eine noch unveröffentlichte Abhandlung zum Baptisterium, in der er diese Kritik ausführlicher entwickelt habe (nella mia storia MS. di questo Tempio non per anco terminato, parmi aver dimostrato ad evidenza ...; in: Malespini, op.cit., S. 254).
Meines Wissens ist diese Untersuchung nie veröffentlicht worden, und doch wäre eine Herausgabe dieser Schrift (sollte sich diese in den nachgelassenen Papieren Follinis noch finden lassen) ein Desiderat, denn sie muß nach den Ankündigungen Follinis die erste explizite Kritik der Marstempel-Dante- Legende enthalten, welche in diesem Fall meine vorliegende Untersuchung in diesem bestimmten Punkt auf das erwünschteste ersetzen könnte.

   Erst mehr als ein Jahrhundert später hat Karl M. Swoboda zunächst in allgemeinerer Weise, (2) dann in dezidierterer Form wieder Giovanni Villani als Urheber der Marstempellegende kenntlich gemacht, (3) doch blieb Swobodas Urteil in der modernen Forschung folgenlos, weil der so wichtige Punkt der traditionellen - und bisher nur, soweit ich sehe, von Follini kritisierten - Berufung auf Dante von ihm nicht mitthematisiert wurde.

(2) "In der Zeit Villanis oder kurz vorher muß die Sage entstanden sein, daß San Giovanni ursprünglich ein Marstempel gewesen sei."  (Swoboda 1918, S. 64.)
(3) "Etwa hundert Jahre nach jenen ersten uns überlieferten Lobeserhebungen schrieb der Florentiner Historiker Giovanni Villani (Chroniche I, 42), es sei das Baptisterium eigentlich ein antiker, ein römischer Bau, gebaut nach Art des Pantheon, und zwar als Marstempel. (....). Die vor Villani geschriebenen Chroniken von Florenz kennen diese Geschichte von der Entstehung des Baptisteriums als Marstempel noch nicht. Sie wird von Villani (...) selbst erfunden oder von ihm aufgegriffen worden sein (...)." (Swoboda 1933, S.63.)
Zuletzt hat noch Wazbinski (1980, S. 941) - wieder ohne Diskussion des Verhältnisses zu Dante - mit Bestimmtheit auf Villani als Urheber der Marstempellegende aufmerksam gemacht:
"Questo concetto viene espresso per la prima volta dal Villani."

   Mit eben dieser Berufung auf Dante beginnt bis heute noch jede Erörterung der Frage, welcher Zeit denn die Marstempellegende ihre Entstehung verdanke, und die Autoren merken nicht, daß sie selbst im Irrtum einer anderen Legende befangen sind, von der sie noch nie gehört haben und an der sie selbst kräftig weiterstricken, der Marstempel-Dante-Legende. (4)

(4) So heißt es in einer neueren Veröffentlichung zum Florentiner Baptisterium immer noch kurz, bündig und falsch:
"Bereits bei Dante wurde das Baptisterium als ein ursprünglicher Marstempel bezeichnet."   (Jacobsen 1980, S. 225, Fn. 2.)
Und ein italienischer Forscher führt die Passage des Villani, in welcher dieser seine Marstempellegende entwickelt, mit den Worten ein:
"citiamo a questo punto i cronisti, dai quali è raccolta la tradizione che il Battistero fosse edificato al tempo di Augusto, e fosse dapprima tempio di Marte (Villani), a cui anche fa riferimento Dante." (Busignani 1988, S. 22 f., Herv., G.S.)

   Die ungebrochene Fortdauer der Marstempel-Dante-Legende verdankt sich der verbreiteten Praxis der Forschung, die Quellen nur noch in kommentierter Form zur Kenntnis zu nehmen, (5) die Marstempellegende hingegen rührt an nationale Interessen der Florentiner.

(5) So verweist Jacobsen im Anschluß an die eben zitierte Aussage nicht auf die wenigen Zeilen Dantes (Inferno 13, 143-150), sondern auf Literaturberichte anderer Forscher. (vgl. ebd.)

   Im Bericht des Giovanni Villani von seinem Romaufenthalt im Jahr 1300, den er als einen persönlichen Bericht der Chronik dieser Jahre einreiht, schildert er, wie er unter dem Eindruck der ehemaligen Größe Roms und beflügelt durch die Lektüre der antiken Schriftsteller, beschlossen habe, der eigenen aufstrebenden Vaterstadt, die er im Steigen, Rom aber im Sinken sah (era nel suo montare ... siccome Roma nel suo calare), mit einer neuen Chronik ein Denkmal zu setzen. (6)

(6) Vgl. Villani VIII, 36, ed. Dragomanni II, S. 3

   Hier klingt das Motiv an, dem auch die Marstempellegende ihre Entstehung verdankt: für Villani war die Vorstellung der älteren Chroniken von Florenz als zweites Rom keine Mitteilung aus der grauen Vorzeit der Frühgeschichte der Stadt, sondern aktuelle Wirklichkeit in dem Sinne, daß aus dem kleinen Rom (piccola Roma, figluola e fatta di Roma) ein neues Rom geworden war, das die Mutterstadt überflügelt hatte und sich anschickte, endgültig deren Erbschaft zu übernehmen.

   Und als Symbol des Ursprungs der Stadt Florenz ebenso wie als Verheißung ihrer großen Zukunft galt Villani das Florentiner Baptisterium, dessen Patron Johannes dem Täufer - und damit der ganzen Stadt - er am Ende sein Werk widmet. (7)

(7) "(...) e cosí negli anni 1300 tornato da Roma, cominciai a compilare
questo libro, a reverenza di Dio e del beato Giovanni e commendazione della nostra città di Firenze." (ebd.)

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