Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese
Marstempelthese
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Die Marstempel- these
Zusammen- fassung
 


Auf dieser letzten Seite läßt der Verfasser noch einmal die wichtigsten Etappen der fortuna critica des Florentiner Baptisteriums Revue passieren. Er zeigt vor allem die Motive auf, die in Florenz zu einem dreihundertjährigen Festhalten an einer Legende geführt haben, welche in bewußter politischer Absicht in den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts von Giovanni Villani erfunden worden war: Florenz sollte als Tochterstadt und legitime Erbin Roms das Vermächtnis der antiken Weltstadt antreten, wofür als Symbol der antike Marstempel stand.
 

An diesen Anspruch knüpft noch der toskanische Herzog Cosimo I. an, als er Vasari mit der Darstellung der ‘Marstempelthese’ im Gründungsbild des Palazzo Vecchio und Borghini mit der Begründung dieser These betraute. Beide Ratgeber Cosimos lieferten freilich Rekonstruktionen des Marstempels, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten.

In einer letzten Fußnote geht der Verfasser auch auf eine jüngere Veröffentlichung zur Tradition des Florentiner Baptisteriums ein (H.L.Chrétien: The Festival of San Giovanni, 1994). Untersuchungen wie diesem Machwerk, das in seiner haltlosen  Effekthascherei und im Fehlen jeglichen Quellenstudiums die moderne Pseudowissenschaft repräsentiert, tritt die vorliegende Untersuchung in ihrer gediegenen Wissenschaftlichkeit entgegen.

 

Die literarische Rezeption des Florentiner Baptisteriums zeigte über die Jahrhunderte hinweg, in denen wir sie in vorliegender Untersuchung verfolgt haben, die Kontinuität einer geschichtlichen Entwicklung, bei der jeder Autor seine Auffassung in Auseinandersetzung mit früheren Ansichten darlegte. Es waren nicht vereinzelte Stellungnahmen, die der Referent erst zu einer Entwicklungsreihe zusammenfassen mußte, sondern mit Villanis Werk war - nach den 'naiven' Chroniken des 13. Jahrhunderts - seit dem 14. Jahrhundert eine Hauptthese aufgestellt, welche die Auseinandersetzung um das Florentiner Baptisterium und seine Entstehung drei Jahrhunderte lang bestimmte. Diese Auffassung haben wir unter dem Namen der Marstempelthese ausführlich betrachtet. 1)

    1) Die Marstempelthese wird auch in der Abhandlung von Chrétien (1994) besprochen.
      Unter Berufung auf den Erfinder der Marstempelthese, Giovanni Villani (The Florentine chronicler Giovanni Villani stated), der nach Chrétien freilich nur eine verbreitete Legende wiedergegeben haben soll, behauptet die Autorin:
    „A widely believed legend declared that the Baptistery of San Giovanni was constructed upon the foundation of the original Roman temple to Mars.“  (Chrétien 1994, S. 16; Herv., G.S.)
    An anderer Stelle findet sich bei Chrétien freilich auch folgende Version :
    „The Baptistery was the supreme witness of the city’s noble Roman origins (...) believed to be the reconverted temple of Mars (… ).”  (op.cit., S. 26; Herv., G.S.)
     Chrétien bemerkt nicht, daß sie zwei völlig gegensätzliche Thesen für ein- und dieselbe ausgibt, von denen wir in vorliegender Abhandlung die eine im 14. Jahrhundert bei Villani (vgl. Kap. II, 1), die andere aber in der Rezeptionsgeschichte des 18. Jahrhunderts (vgl. Kap. VI, 3) kennengelernt haben.
    Die zweite Auffassung, San Giovanni sei auf dem Fundament (upon the foundation) des ursprünglichen Marstempels errichtet worden, steht der Marstempelthese Villanis direkt entgegen, denn sie setzt die Zerstörung des Marstempels bis auf die Fundamente voraus. Die Marstempelthese aber berichtet von der vollständigen Erhaltung des ursprünglichen Marstempels durch Umweihe in die Täuferkirche.

Als Motiv für die Erfindung der Marstempelthese durch Villani zeigte sich der patriotische Eifer eines Florentiner Bürgers, seine Vaterstadt ebenbürtig neben Rom zu stellen. Es galt, Florenz als legitime Erbin der Größe und Bedeutung Roms zu erweisen, und die Taufkirche als ehemaliger Marstempel nach dem Vorbild des Pantheons und Mars-Ultor-Tempels in Rom war ebensosehr Zeuge der römischen Deszendenz der Stadt wie Beweis für die Fähigkeit der ehemaligen Kolonie, die Mutterstadt in ihren Einrichtungen nicht nur nachzuahmen, sondern zu übertreffen.

         Der Gedanke der Aemulatio im Werk Villanis erschien nicht von ungefähr gleichzeitig als Äußerung eines offiziellen Vertreters der Stadt Florenz  (Villani war in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts Florentiner Magistrat), und die Marstempelthese behielt bis in die Zeit der mediceischen Großherzöge den Charakter einer quasi-offiziellen Staatsauffassung, ein Umstand, der indirekt auch für die Vereinnahmung Dantes verantwortlich war.

Dante war zur Zeit der Niederschrift von Villanis Chronik posthum zum nationalen Heros emporgestiegen. In seinem ganzen Werk war freilich kein einziges Mal von einem Marstempel die Rede gewesen, und nur die Tatsache, daß Dante in seiner Divina Commedia einen abergläubischen Selbstmörder die Legende von einer Marsstatue an der Arnobrücke berichten ließ, verschaffte Villani und den nachfolgenden Geschichtsschreibern die Möglichkeit, über eine bestimmte Deutung dieser Stelle den großen Dichter im nachhinein zum Zeugen für die Marstempelthese zu vereinnahmen, während die frühen Dante-Kommentare von dieser These noch nichts wußten.

         Der Erfinder der Marstempelthese, Villani, beließ es noch bei einer deutlichen Anspielung auf den Bericht in Dantes Inferno; erst Boccaccio, der erste offizielle Dante-Kommentator der Stadt Florenz, rief den Dichter zum Zeugen für die Entstehung des Baptisteriums als Marstempel an, indem er die Villanische These mit dem Bericht von Dantes Selbstmörder kombinierte, eine Interpretation, die von allen nachfolgenden Dante-Kommentatoren übernommen wurde.

         Mit Coluccio Salutati, der sich wiederum mit einer deutlichen Anspielung begnügte, und der humanistischen Geschichtsschreibung gewann dann diese Auffassung den Rang einer quasi-offiziellen Staatsdoktrin. Die eigentliche Stütze der Marstempelthese war so der Stolz des Florentiners auf seine Heimatstadt, und der humanistische Anspruch einer Überprüfung der Legenden mündete am Ende in die Berufung auf die große Tradition von Florenz.

       Die Marstempelthese prägte auch die Rezeption der Taufkirche im Florenz des 16. und 17. Jahrhunderts. Ihre fortdauernde Bedeutung erklärte sich nicht zuletzt durch das Interesse des mediceischen Herrscherhauses, das in der römischen Deszendenz der Stadt seine eigene Abstammung von der römischen Nobilität begründet sah, und  in diesem Zusammenhang behielt das Florentiner Baptisterium die Stellung des einzig intakten Zeugen der Florentiner Gründungsgeschichte. Deswegen beauftragte Cosimo I. den gelehrten Prior Borghini mit einer wissenschaftlichen Fundierung der Marstempelthese als Kern der Florentiner Ursprungsgeschichte und Vasari mit der Darstellung dieser Geschichte im Palazzo Vecchio.

         Doch im Versuch einer Begründung der legendenhaften Überlieferung verwickelten sich beide Protagonisten in mannigfache Widersprüche, die in der Unterschiedlichkeit ihrer jeweiligen bildlichen Rekonstruktionen des ehemaligen Marstempels im Gründungsbild des Palazzo Vecchio bzw. in den Discorsi Borghinis kulminierten.

          Gleichzeitig regte sich von dritter Seite Widerspruch gegen die Marstempelthese. Ein Freund Borghinis, der gebürtige Florentiner und Wahlrömer Girolamo Mei, äußerte in einer kleinen Abhandlung und dann in mehreren Briefen seine Einwände gegen die offizielle Auffassung vom Ursprung der Florentiner Taufkirche.

         Die Widersprüchlichkeit von tradierter Überlieferung und wissenschaftlicher Kritik zeigte sich in der Spätzeit der mediceischen Epoche noch einmal zusammengefaßt im Werk des Leopoldo del Migliore, der seine Abhandlung zur Taufkirche als programmatisches Bekenntnis zur Marstempelthese erscheinen ließ und doch gleichzeitig die Gründe für deren Unhaltbarkeit mit klaren Argumenten darlegte.

         Das 18. Jahrhundert räumte schließlich mit der morsch gewordenen Auffassung eines antiken Ursprungs der Florentiner Taufkirche auf, indem es von der Anschauung antiker Bauwerke ausging, die Unterschiede zu den Formen des Baptisteriums bestimmte und die Verwendung von Spolien und die Art dieser Verwendung als unvereinbar mit einer antik-römischen Baugesinnung aufzeigte. Dieses negative Resultat ergänzten die Forscher dieser Zeit durch den geschichtlichen Hinweis auf die Verehrung Johannes des Täufers in langobardischer Zeit, woraus sie eine Entstehung des Baptisteriums um die Wende des 6. zum 7. Jahrhundert (zur Zeit der Königin Theodelinde) glaubhaft zu machen suchten, ohne jedoch positive Beweise für diese Vermutung anführen zu können..

         Während die langobardische Auffassung somit wesentlich vom negativen Resultat eines nicht-antiken Ursprungs geprägt war und sich die zeitliche Einordnung des Baptisteriums vor allem an die Vorstellung einer Depravation der antiken Baukunst knüpfte, führten im 19. Jahrhundert die ersten vergleichenden stilistischen Untersuchungen im Verein mit der Auswertung von Urkunden, welche bereits das 17. und 18. Jahrhundert gesammelt und publiziert hatte, zur Annahme, das Florentiner Baptisterium müsse in der Zeit der Romanik entstanden sein, eine Auffassung, die inhaltlich - was den modernen Forschern völlig entgangen zu sein scheint - zum ersten Mal Vasari in der ersten Ausgabe seiner Viten von 1550 ausgesprochen hatte und die dreihundert Jahre später die moderne Forschungsgeschichte einleiten sollte.

         Wenn diese zum Schluß der Untersuchung am Generalthema einer jahrhundertelangen Beschäftigung mit der Florentiner Taufkirche, der Frage nach ihrem Ursprung, noch vorgestellt wurde, so um zu zeigen, daß die moderne Wissenschaft den Mythos des Baptisteriums immer noch nicht zur Gänze entschleiert hat, sondern in bestimmten Fragen selbst noch an alten Vorurteilen festhält und die gewonnenen Einsichten über die Entstehung der Florentiner Taufkirche durch neue Hypothesen und Theorien ergänzt, deren Erklärung und Kritik die wichtigste Aufgabe dieser Untersuchung darstellte.
Finis operis

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