Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese
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Giuseppe del Rosso (1820)

Giuseppe del Rossos Untersuchung lässt sich als die vielleicht erste kunstgeschichtliche Arbeit zum Florentiner Baptisterium ansprechen, insofern sie durch die Mittel der analytischen Beschreibung und des Vergleichs die Eigentümlichkeiten der Taufkirche zu bestimmen und  in das Gesamtbild einer historischem Entwicklung einzuordnen versucht.

Del Rossos Ricerche storico-architettoniche sopra il singolarissimo Tempio di San Giovanni   (1) sind kein spektakuläres Buch. Die meisten der dort dargelegten Ansichten teilt Del Rosso mit seinen Zeitgenossen und ältere, einmal für richtig angenommene Thesen werden auch von ihm ausführlich zu Papier gebracht, unbeschadet der Tatsache, daß der Leser dieselben Ansichten in allen Publikationen der letzten hundert Jahre antreffen kann. Daraus läßt sich jedenfalls entnehmen, daß die Gelehrten der ersten Hälfte des 19., wie schon die des 18. Jahrhunderts keineswegs unter einem Originalitäts- oder gar Profilierungsdruck gestanden haben.

    (1)  Florenz 1820.

Ganz in der Florentiner Tradition stehend diskutiert auch Del Rosso in seiner Abhandlung die Ursprungsfrage des Baptisteriums und die römische Deszendenz der antiken Florentia. Er referiert die uralten Nachrichten von einem Forum der Stadt, von Wasserleitungen, einem Amphitheater und schließlich von  einem Marstempel und erinnert hierbei wie viele andere Gelehrte daran, daß die bloße Möglichkeit eines solchen Bauwerks nicht ausreiche, um dieses auch mit dem gegenwärtigen Baptisterium identifizieren zu können.

Schon vor jeder bauarchäologischen Untersuchung sei eine solche Identität unwahrscheinlich aufgrund der historischen Tatsache, daß die Römer ihre Tempel nicht an einem niedrigen Ort in Flußnähe (Giace questo Tempio in un punto bassissimo rispetto alla città, e dove molto parte delle acque scolvano), sondern immer an einem höher gelegenen Platz angelegt hätten.  (2)       

    (2) Del Rosso 1820, S. 77, n. 2 
             Für dieses Argument beruft sich Del Rosso auf Lamis Lezioni von 1766 (ebd.).
             Auch Hartwig (1875, S. 79) schließt die Möglichkeit eines Marstempels an der Stelle des heutigen Baptisteriums aus, indem er meint, daß der Ort eines solchen Tempels das Forum hätte sein müssen.

Selbstverständlich fehlt auch bei Del Rossos Marstempelthesen-Widerlegung nicht der Hinweis auf die Verwendung von Spolien unterschiedlicher Herkunft (questa fabbrica edificata con materiali serviti ad altri più antichi monumenti artificiosamente combinati e fatti servire alla nuova opera(3) und keineswegs versäumt er, die verkehrt eingemauerte Marmorplatte (l'impiego disprezzante e ignominioso stato fatto delle iscrizioni e memorie degli Imperatori) zu erwähnen.   (4)

    (3)  Del Rosso 1820, S. 12.
    (4)         op.cit. S. 53.

Wenn sich nun auch bei Del Rosso mit diesen Beobachtungen die Datierung des Baus in die langobardische Zeit verbindet (Ne poco concorre corroborare l'adottata opinione della ritardata edificazione del nostro Tempio fra il settimo e l'ottavo secolo(5), so begnügt er sich doch nicht mit dem Hinweis auf den Johanneskult der Langobarden,  (6) sondern versucht die baukünstlerischen Merkmale des Baptisteriums, dessen Stilstufe mit der Entwicklung der Architektur zur Zeit der Langobardenherrschaft in Zusammenhang zu bringen.

    (5)   ebd.
    (6)   Die Langobardenherrschaft ist auch für Del Rosso der Hauptbezugspunkt für seinen Datierungsvorschlag; siehe seinen Hinweis auf den Bericht des Paulus Diaconus über die Herrschaft der Langobarden- königin Theodelinde (op.cit., S. 80 f., n.16) und die Verbreitung des Johanneskultes (la propagazione del culto del precursore S.Giovanni) unter diesem Volk (op.cit., S. 23).

Während die vorherige Forschung die Verwendung von Spolien nur unter dem Gesichtspunkt einer 'barbarischen' Unfähigkeit zu künstlerischer Gestaltung betrachtete, betont Del Rosso umgekehrt, daß diese Verwendung einen gewissen Formsinn und eine gewisse Kulturstufe voraussetze. Was Girolamo Mei, Del Migliore und Nelli als Abfall von der Antike und als 'Fehler' feststellten, versucht Del Rosso einmal als Qualität sui generis dieser Architektur zu verstehen.

Er legt die Meßlatte der Antike vorübergehend beiseite und vergegenwärtigt sich die gestalterischen Intentionen des Architekten. Dabei konzediert Del Rosso dem Baumeister des Baptisteriums ein gewisses Maß an adäquater Behandlung der unterschiedlichen Teile des Baus (una combinazione di parti sì bene adeguata al soggetto), eine gewisse Beachtung der Proportionen (questo investigare le proporzioni di tutte le altre parti supplite), ja sogar eine gewisse Harmonie (la fabbrica nel suo genere molto armonica).   (7)

    (7)  op.cit., S. 47.

Während die antikenorientierten Kritiker immer den Unverstand des Baptisteriumsbaumeisters beim Gebrauch antiker Spolien hervorhoben (und dabei mächtig übertrieben), hebt Del Rosso im Unterschied dazu das Bemühen des Architekten hervor, in einer Zeit des Verfalls der Künste sich an einer Epoche zu orientieren, die dem gestaltenden Künstler bessere Beispiele und Vorbilder darbot.  (8)

    (8)  „(...) è chiaro che l’architetto ha agito con ottimi principj nell’indicata          repartizione (...), anche          nell’età più florida dell’arte sua.“    (op.cit., S. 44.)
             Auch für Del Rosso ist letzten Endes die Antike der Maßstab, mit dem er die Qualität des Baus von San Giovanni beurteilt. Und wenn er diesen Maßstab zu Rate zieht, muß er freilich die Eleganz, Anmut und Vollkommenheit vermissen (mancandovi l’eleganza ... e quella grazia e finitezza), welche nur den Bauten der Antike eignet, nicht aber dem Denkmal einer Epoche, welche hinsichtlich der Kunst weniger glücklich war (un’opera dei tempi più infelici dell’arte).  (op.cit., S. 47.)

Die Wahl des Vorbildes, in der Baptisteriumsrezeption (seit den alten Chroniken) traditionell anhand der Alternative des römischen Pantheons und (seit Borghini) Mars-Ultor-Tempels auf der einen, der frühchristlichen Taufkirche S.Giovanni in Laterano auf der anderen Seite besprochen, galt den Gelehrten immer als wichtiges Indiz für die Datierung des Baus. Del Rosso interessiert an dieser Alternative jedoch nicht die Datierung - er hält die Entstehung in langobardischer Zeit für gesichert -, sondern der baukünstlerische Aspekt einer Orientierung an Vorbildern, welchen die Baumeister Gestaltungsprinzipien entlehnten.

Was zunächst San Giovanni in Laterano in Rom betrifft, so sei dieser Bau vergleichbar durch die achteckige Grundrißform, was es mit allen anderen oktogonalen Baptisterien gemein habe; darüber hinaus aber gebe es keine spezifischen Ähnlichkeiten, welche auf eine Vorbildfunktion der römischen Taufkirche für den Florentiner Bau hinwiesen; ganz anders liege das Verhältnis der Taufkirche zum Pantheon, dort gebe es eine 'Tendenz zur Imitation':

„In primo luogo il nostro Tempio non ha di comune col Battistero Lateranense che la sola forma ottagona, dissimile affatto in ogni altra sua parte che lo mostra piuttosto tendente ad imitare il Panteon (...).“   (9)

    (9)  op.cit., S. 28.
             Daß die achteckige Form des Baptisteriums dem christlichen Typus der Taufkirche angehört, betont Del Rosso schon am Anfang seiner Abhandlung:
    „la sua costruzione e la forma, siamo costretti a riguardarlo come un monumento Cristiano, e nulla più.“  (op.cit., S. 8)

Baukünstlerisch haben sich die Architekten in Florenz nach Auffassung Del Rossos am Pantheon orientiert, womit er diesen Bau zu einem Vorbild des Baptisteriums erklärt, während die den Baptisterien in Rom und Florenz gemeinsame Grundrißform des Oktogons nur mit der Bestimmung des Baus als Taufkirche zusammenhängt und der Gemeinsamkeit des Typus geschuldet ist.

Bei den Vertretern der Marstempelthese galt das Pantheon immer nur als der wenig ältere Musterbau des Florentiner Ablegers, und Borghini stellte dieses Verhältnis so dar, daß es die Baumeister des Pantheons selbst waren, die den Florentiner Marstempel - als Oktogonbau, um eine Kopie zu vermeiden - errichteten. In Del Rossos Annahme einer Orientierung der Baptisteriumsbaumeister an dem antik-römischen Vorbild des Pantheons klingt demgegenüber der Gedanke einer Renaissance an.

Indem Del Rosso die Charakteristika des Florentiner Baptisteriums, die Nelli und andere vom Standpunkt der Antike aus als Mängel erachteten, als Aufbruch und Rückbesinnung auf deren Vorbildlichkeit deutet,  bahnt er einer baukünstlerischen Betrachtung des Baptisteriums den Weg, welche schließlich, in konsequenterer Durchführung und ohne ständigen Rekurs auf eine übermächtige Datierungsfrage, auch für diese letztere eine neue Antwort finden sollte. .........

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