Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese
Marstempelthese
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
nächste Seite

Kunst und Alterthum (1824)

Eine frühe kunsthistorische Rezeption in Deutschland zum Florentiner Baptisterium liegt in Goethes Kunst und Alterthum vor.
Sie bietet freilich nur eine Nacherzählung der Ausführungen von Vasaris ‘Vita des Andrea Tafi’. Erst am Ende des kurzen Berichts deutet der Verfasser (wahrscheinlich Heinrich Meyer) Zweifel am antiken Ursprung der Florentiner Taufkirche an.

Die von Goethe herausgegebene Zeitschrift Über Kunst und Alterthum enthält im ersten Heft des 1824 veröffentlichten Bandes die Besprechung eines Kupferstichwerks zu den Bronzetüren des Florentiner Baptisteriums,   (1) die wahrscheinlich aus der Feder Heinrich Meyers, des unersetzlichen Kunstfreundes Goethes stammt.

    (1)  Le tre Porte del Battisterio di Firenze. In Umrissen von Vinc. Gazzini gezeichnet, und von Gio. Paolo Lasinio gestochen. Florenz 1821 [Angaben nach ‘Kunst und Alterthum’ V, 1, (1824) S. 32.]

Bevor sich der Berichterstatter den Bronzetüren als seinem eigentlichen Gegenstand widmet, verweist er in wenigen Sätzen auf die Architektur des Baptisteriums und bedient sich hierbei offensichtlich einiger Angaben, die Giorgio Vasari in der zweiten Auflage der Viten von 1568 im Leben des Andrea Tafi zur Florentiner Taufkirche gemacht hatte.

Wenn Vasari die Taufkirche dort als tempio antico bezeichnet hatte, der tutto, di fuori e di dentro, lavorato di marmi d'opera corintia sei,  (2) so beschreibt der Weimarer Kunstfreund seinerseits die Taufkirche als von corinthischer Ordnung, aussen und inwendig mit Marmor überkleidet(3)       

    (2)  Vasari [1568], ed. Barocchi/Bettarini II, S. 74. – Alle folgenden Zitate Vasaris ebd.

    (3)        Kunst und Alterthum V, 1, 1824,  S. 33. – Alle folgenden Zitate aus ebd.

Und wenn derselbe Kunstfreund im Anschluß an diese knappen Angaben zur Architektur noch die Bemerkung einschaltet, daß die Mosaiken des Gewölbes der Taufkirche im 13. Jahrhundert von dem Griechen Apollonius und dem Florentiner Andrea Tafi ausgeführt worden seien, so wird der Leser sich dabei unschwer an den Bericht Vasaris erinnert fühlen, daß der Künstler Tafi von seinen Mitbürgern mit der Aufgabe der Mosaizierung der Taufkirche beauftragt worden war, wofür dieser den Griechen Apollonius (maestro Apollonio pittore greco) aus Venedig engagierte, um mit diesem gemeinsam die Aufgabe auszuführen  (in sua compagnia lavorò nella tribuna di San Giovanni).

Auch eine weitere Notiz hat der Redakteur der Weimarer Kunstzeitschrift offensichtlich dem Vasari entlehnt: die Auffassung nämlich, das Florentiner Baptisterium habe den florentinischen Baumeistern zur Zeit der wieder aufblühenden Kunst als Muster gedient, ein Passus, welchem bei Vasari der konkretere Hinweis entspricht, Brunelleschi, Donatello und die anderen Meister dieser Zeit hätten am Baptisterium gelernt.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß zur selben Zeit in Florenz die langobardische Entstehungsthese seit gut einem Jahrhundert (spätestens seit Nellis Publikation von 1725) vorherrschend war, fragt man sich, ob von dieser Auffassung, welche sich gegen die Meinung Vasaris (und Borghinis) gebildet hatte, etwas zu den Weimarer Kunstfreunden durchgedrungen ist. Und hier zeigt der einleitende Satz des Weimarer Journals:

    „Wie alt das achteckige Taufgebäude (Battisterio) ... eigentlich sey und ob dasselbe ursprünglich ein Tempel des Mars gewesen, ist nicht ausgemacht“,

daß Vasaris Viten nicht für jede Mitteilung Pate standen, und die anschließend geäußerte Meinung, das Baptisterium dürfte um die Zeit Constantins des Großen entstanden seyn, stellt sich der Auffassung von Vasaris Viten (aber auch der Langobardenthese) direkt entgegen.

Der Kunstfreund Meyer (oder ein anderer Mitarbeiter Goethes an der Zeitschrift Kunst und Alterthum) muß entweder während eines Italienaufenthaltes - Meyer verbrachte nach 1795 einige Jahre in Italien   (4) oder durch Lektüre einer italienischen Publikation davon Kenntnis erhalten haben, daß die Marstempelthese in Florenz selbst nicht mehr unangefochten galt,  (5) doch ist es ebenso offensichtlich, daß den Weimarer Kunstfreunden diese Frage nicht auf den Nägeln brannte.

    (4)   Vgl. den Bericht bei Waetzoldt (I, 1921, S. 181), der Meyers Mission in Italien geradezu als ‘Dienstreise’ im Auftrag Goethes hinstellt:
       „Als Meyer dann 1795 nach Italien ging, konnte und sollte er gerade diese Eigenschaften [sc. zu ordnen, zu vergleichen, zu überlegen] in den Dienst einer wissenschaftlichen Aufgabe von Riesenausmaß stellen. (...). Meyer war beauftragt, als ein neuer Pausanias (...) das kunstgeschichtliche Material herbeizuschaffen, Stiche, Kopien, vor allem aber (...) schematische Beschreibungen von Kunstwerken.“

    (5)        Als mögliche Anregung der Weimarer Kunstfreunde ließe sich an Richas Notizie istoriche delle chiese Fiorentine von 1757 denken, denn dort wird die traditionelle Alternative zwischen der Auffassung einer antiken und einer christlichen Entstehung auf die Zeit des Augustus und die Epoche der christlichen Kaiser Konstantin und Theodosius bezogen (vgl. Richa 1757, V, S. IV), während sich Richa erst im weiteren Verlauf seiner Ausführungen (und in Anlehnung an die Argumentation Nellis) auf eine Datierung des Baptisteriums in langobardischer Zeit festlegt (vgl. op.cit., S. VI f.).

nächste Seite
Übersicht / Stimmen Inhaltsverzeichnis Dante Boccaccio Marstempel-Legenden Bruni Polizian Machiavelli - Davidsohn
Vasari I Vasari II del Migliore Lumachi del Rosso Kunst und Alterthum Baugeschichte Zusammenfassung
Marstempelthese
Kritische Kunstgeschichte Verlagskonzept Zusammenarbeit von Autor und Verlag Marstempelthese