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Leonardo Bruni

Die Schriften Brunis und seiner humanistischen Zeitgenossen im Florenz des frühen Quattrocento gelten bei manchen modernen Forschern als bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet kritischer Geschichtsforschung (new critical method of the humanists; Rubinstein). Doch bereits der Zeitgenosse Lorenzo Valla fällte über den wissenschaftlichen Wert der Publikationen Brunis ein ganz anderes Urteil.....

   Das Leitthema der römischen Deszendenz von Florenz bestimmte auch die Geschichtsauffassung des Schützlings, Freundes und späteren Nachfolgers Salutatis im Amt des Florentiner Staatskanzlers, des Leonardo Bruni. (1)

(1) Zur Vita Brunis vgl. die Ausführungen bei Voigt (I, 1893, S. 306-312).
Danach war Bruni (von 1369 - 1444) wohl schon als Waisenknabe im Haus Salutatis aufgenommen worden und genoß bis zu Salutatis Tod im Jahre 1406 dessen Protektion. Nach einer Hauslehrertätigkeit bei den Medici wurde er von Salutati 1405 an die Kurie ins Amt eines apostolischen Sekretärs vermittelt.
Der erste Versuch Brunis, die Nachfolge seines Adoptivvaters im Amt des Staatskanzlers anzutreten, scheiterte, und seine erste Übernahme dieses Amtes 1410 währte nur wenige Monate, weil er wegen Beschränkung der Befugnisse und geringerer Bezahlung selbst den Dienst quittierte.  Erst 1427 wurde Bruni ehrenvoll und mit vollen Rechten und Befugnissen zum Staatskanzler von Florenz ernannt, welches Amt er dann bis zu seinem Tode 1444 ununterbrochen ausübte.

   Im Lob der Stadt Florenz, so der Titel der ungefähr gleichzeitig mit Salutatis Invektive gegen Loschi im Jahr 1400 entstandenen Frühschrift Brunis, (2) ruft der Humanist aus, daß bei allem Reichtum, den Florenz in seinen Mauern angehäuft habe, dies immer das wichtigste bleiben müsse: die Abstammung der Florentiner vom römischen Volk (hoc primum est: ut a populo Romano Florentinorum genus sit ortum!). (3)

(2) Laudatio Florentinae urbis, ed. Baron 1968.
Zur Datierung vgl. ausführlich und in kritischer Auseinandersetzung mit Baron: Lanza 1989, S. 34-37.
(3) "O deus immortalis, tantane in hanc unam urbem bona contulisse, ut omnia que ubique sunt queve optare fas est ad eius ornamenta convenisse videantur! Nam quanti hoc primum est: ut a populo Romano Florentinorum genus sit ortum!
(Bruni, Laudatio, ed. Baron, S. 244; Herv., G.S.)
Aus der römischen Abstammung leitet Bruni Rechtsansprüche für Florenz ab, das bestimmt sei, die frühere Herrschaft Roms über den orbis terrarum anzutreten:
"Quamobrem ad vos quoque, viri Florentini, dominium orbis terrarum iure quodam hereditario seu paternarum rerum possessio pertinet."   (ebd.)

   Ohne in der Laudatio die Quellen anzugeben, die den Historiker zu einer bestimmten Datierung veranlassen, schließt Bruni emphatisch eine Entstehung von Florenz nach dem Ende der römischen Republik aus. Die Gründung der Stadt müsse vielmehr in die Zeit des größten Glanzes der Republik fallen, bevor Caesar und die nachfolgenden Kaiser die Freiheit der Republik zu Grabe getragen hätten. (4)

(4) "Hec igitur splendidissima Romanorum colonia eo maxime tempore deducta est quo populi Romani imperium maxime florebat (...). Nondum Cesares, Antonii, Tiberii, Nerones, pestes atque exitia rei publice, libertatem sustulerant. Sed vigebat sancta et inconcussa libertas, que tamen non multo post hanc coloniam deductam a sceleratissimis latronibus sublata est."
(op.cit., S. 245.)

   Erst das spätere Hauptwerk Brunis, die seit 1416 verfaßten Historiae Florentini populi, (5)  enthalten dann eine Auseinandersetzung mit den Quellen, die wie eine nachträgliche Begründung der leidenschaftlichen Versicherung von Brunis Frühschrift anmutet.

(5) ed. Santini 1926.  - Zur Datierung vgl. Fueter 1925, S. 16.

   Bruni beginnt seine Geschichtsdarstellung (nach dem Prooemium) mit der Feststellung, daß Florenz von Sulla bei Fiesole gegründet worden sei: sullanische Soldaten hätten für ihre Dienste (vor allem während des Bürgerkrieges) Land als Beute im Fiesolaner Gebiet erhalten und die neue Stadt unterhalb von Fiesole in der Ebene zwischen Arno und Munione errichtet.(6)

(6) "Florentiam urbem Romani condidere a Lucio Sylla Fesulas deducti.  Fuerunt autem hi Syllani milites, quibus ob egregiam cum in caeteris tum in civili bello navatam operam, pars fesulani agri est attributa, et Fesulae una cum veteribus incolis sedes traditae. (.........)
Per hunc igitur modum a L. Sylla militibus Fesulas deductis, agrisque viritim divisis, eorum plerique urbem montanam et difficilem aditu, praesertim in illa securitate romani imperii, minime sibi necessariam arbitrati, relicto monte, in proxime subiecta planitie, secus Arni Munionisque fluviorum ripas, conferre aedificia et habitare coeperunt."  (Historiae, ed.Santini, S. 5)

   Diese Gründung werde auch bei Sallust und Cicero erwähnt: Cicero vor allem hebe hervor, daß die Kolonie von den besten römischen Bürgern und tapfersten Männern aufgebaut worden sei (Tullius optimos fuisse cives romanos et fortissimos viros affirmat). (7)

(7) op.cit., S. 5 f.
Vgl. die w.o. (im Kapitel III, 1 zum Paradiso degli Alberti) durchgeführte Analyse dieser Berufung auf Cicero als Zeugen einer vornehmen Abkunft von Florenz, die Rubinstein und Baron als Beleg einer beginnenden kritischen Geschichtsforschung anführen.

   Wenn Bruni - wie Luigi Marsili - Ciceros anschließende Schilderung des Herunterkommens dieser sullanischen Kolonisten beiläufig erwähnt, dann rechnet er damit, daß der Leser den Zusammenhang übersieht, in welchem Cicero die sullanischen Siedler als optimi cives romani bezeichnet. Bruni verschweigt wie der Redner des Paradiso, daß Cicero am Ende seiner Rede, der diese Passage entnommen ist, das Todesurteil und die militärische Vernichtung für diese optimi cives romani fordern wird. Denn Bruni will sich der Autorität Ciceros, eines praestantissimus latinae linguae auctor, als Zeugen für die vornehme römische Herkunft der ersten Florentiner Bürger unbedingt versichern.

(8) "Erat enim doctorum, ni fallor, vel praecipuum munus, ut suam quisque aetatem celebrando, oblivioni et fato preripere ac immortalitati consecrare niterentur." (op.cit., S. 3. [Prooemium Auctoris]; Herv., G.S.)
 

   Schon das Vorwort Brunis erweist, daß seiner Darstellung Grundmuster zugrundeliegen, die weniger den wissenschaftlichen Forschungsanspruch, als vielmehr den Patrioten Bruni und einen an den antiken Schriftstellern geschulten rhetorischen Sinn des Autors verraten, dessen Leitgedanken durchaus an ähnliche Paradigmen in den älteren Chroniken erinnern.

   So übernimmt Bruni das Muster der Erbfeindschaft, in welchem die ältere Tradition den Gegensatz von Florenz und Fiesole gefaßt hatte und überträgt dieses Muster auf die Konkurrenz zu Pisa. Daran zeigt sich nicht zuletzt das überwiegende Interesse Brunis an der zeitgenössischen Geschichte, (8) denn Fiesole hatte die Rolle des Erbfeindes 1123 ausgespielt, und so übernimmt in Brunis Historiae das erst 1406 endgültig niedergeworfene Pisa diesen Part im Geschichtsbild des Wahl- Florentiners, der sich dabei gleichzeitig - wie schon die älteren Chroniken - eines Grundmusters der römischen Geschichtsschreibung bedient. (9)

(9) "Accedunt ad haec Pisae captae; quam ego urbem, vel diversitate animorum, vel aemulatione potentiae, vel exitu belli, recte alteram Carthaginem, ut mihi videor, appellarim." (ebd., Herv., G.S.)
Die Belagerung und Vernichtung von Pisa rechnet Bruni zu den großen Ruhmestaten von Florenz, welche er den größten geschichtlichen Taten des Altertums an die Seite stellt:
"Cuius extrema debellatio atque obsidio, pari obstinatione apud  victos victoresque agitatae, ita multo memoratu digna continent, ut antiquis illis maximis rebus quas legentes admirari solemus, nulla ex parte inferiores appareant."  (ebd.)
Die historischen Umstände der Eroberung von Pisa durch Florenz 1406, welche in direktem Zusammenhang mit dem Ende des Krieges zwischen Mailand und Florenz stehen, schildert Brucker (1984, S. 252):
"Die Besitztümer des Visconti [sc. Giangaleazzos] wurden unter drei Erben aufgeteilt. Gabriele Maria Visconti, der Pisa bekam, verkaufte es an die Florentiner wie eine Ware für 200000 Goldfiorini (1405). Freilich nur ein formeller Akt, denn die Pisaner hatten keineswegs die Absicht, eine Beute der verhaßten Nachbarn zu werden. Das florentinische Heer unter Maso degli Albizzi und Gino Capponi schloß einen Belagerungsring um Pisa mit der Absicht, es auszuhungern. (...) die zur Verteidigung unbrauchbare Bevölkerung, die aber hätte ernährt werden müssen, wurde aus Pisa verjagt; es waren alte Leute, Frauen und Kinder; sie wurden von den Florentinern gefangengenommen und getötet, um den Widerstand der Eingeschlossenen zu brechen. Schließlich kapitulierten die Belagerten am 9. Oktober 1406, und die Florentiner sahen sich am Ziel, das sie zwei Jahrhunderte verfolgt hatten: die Arnomündung freizumachen und einen autonomen Seehandel zu errichten."

   Daneben formuliert Bruni im Vorwort den wissenschaftlichen Anspruch seiner Geschichtsschreibung. Der Humanist nimmt sich vor, die verbreiteten sagenhaften Meinungen von den Ursprüngen der Stadt auszusondern, und nur das, was ihm wahrhaft erscheint, mitzuteilen. (10)

(10) "Sed antequam ad ea tempora veniam, quae propria sunt professionis nostrae, placuit exemplo quorumdam rerum scriptorum de primordio atque origine urbis, vulgaribus fabulosisque opinionibus reiectis, quam verissimam puto notitiam tradere, ut omnia in sequentibus clariora reddantur." (op.cit., S. 4, Herv., G.S.)

   Ähnlich wie schon Salutati in seinem Katalog der Altertümer von Florenz und Luigi Marsili mit seinem Hinweis auf materielle Überreste der Stadt betont auch Bruni den Zeugniswert der frühen, aus den Ursprungstagen überkommenen Bauwerke von Florenz:

'Es gibt freilich noch heute Überreste der alten Bauwerke, die inmitten der Pracht des Gemeinwesens unserer Zeit zu bewundern sind: so der Aquädukt, über den das am 'Siebten Stein' aufgenommene Quellwasser in die Stadt geführt wurde, ferner Überreste eines gewaltigen Theaters für öffentliche Schauspiele, das damals außerhalb der Stadtmauern gelegen war an einem Platz, der heute von Privathäusern im Innern der Stadt eingenommen wird. Und da gibt es noch den Tempel, der jetzt die Taufkirche ist, ein altes und in der Tat herausragendes Werk, welches die heidnische Bevölkerung dem Mars geweiht hatte.' (11)

(11) "Et extant sane hodieque permanent vetustorum reliquiae operum, vel in hac nostri temporis magnificentia civitatis admirandae: aquaeductus, per quem de septimo lapide accepti fontes in urbem ducebantur: et theatri ingentis [ingentes] ad ludos populares tunc extra moenia positi, nunc intra urbem ipsam privatorum aedificiis occupati. Templum etiam, in quo nunc baptisterium est, vetustum sane egregium opus, Marti gentilitas consecravit."  (op.cit., S. 6, Herv., G.S.)

   Der Marstempel wird bei Bruni umstandslos (und in der Tradition des Chronisten Villani) mit dem christlichen Baptisterium identifiziert. Diese Auffassung, die Salutati selbst nur andeutete - wenn auch für jeden Zeitgenossen völlig unzweideutig -, ist in Brunis Geschichtsdarstellung, ganz im Sinne des alten Kanzlers, zur unumstößlichen, keiner weiteren Begründung bedürfenden Tatsache geworden: das Baptisterium als Florentiner Haupt- und Staatsbau bleibt selbst vom Anspruch kritischer Forschung, die moderne Gelehrte vielleicht etwas vorschnell als Errungenschaft des frühen Humanismus reklamieren, ausgespart.

   Die Besprechung der antiken Bauwerke von Florenz durch Bruni enthält noch ein weiteres Merkmal, das den Geschichtsschreiber zeigt, der in der patriotischen Florentiner Tradition steht: die Anlage der Stadt nach dem Vorbild Roms:

'Denn die sullanischen Siedler erbauten sich auf der einen Seite ein Kapitol und auf der gegenüberliegenden ein Forum, und zwar genau in der Lage und in dem Verhältnis zueinander, wie wir es beim römischen Forum und Kapitol sehen.' (12)

(12) "Nam et capitolium sibi fecerunt [sc. die sullanischen Siedler] et forum iuxta positum eo situ iisdemque regionibus inter se conversa, quis [quibus] romanum forum capitoliumque videmus." (ebd., Herv., G.S.)

   Bruni sieht Forum und Kapitol in Rom und vermeint gleichzeitig - zumindest der Anlage nach - die gleichen Bauwerke in Florenz zu sehen! Für diesen behaupteten Sachverhalt wählt Bruni eine Begründung, die zum ersten Mal Villani in seinem Romerlebnis - allerdings nicht im Hinblick auf die Gründungsgeschichte von Florenz, sondern als Ausblick einer zukünftigen Entwicklung der Stadt - formuliert hatte: das Movens einer Aemulatio von Florenz mit der Mutterstadt.

   Diese Aemulatio weist auch dem Florentiner Baptisterium seinen bestimmten Platz zu. Denn dieses erscheint nicht nur als ein bauliches Wahrzeichen nach dem Vorbild Roms, sondern auch als Versuch, das römische Muster zu übertreffen:

   'Ergebnis eben dieses Wetteifers ist der Tempel des Mars, in dem die Römer, freilich aufgrund einer erstaunlichen Leichtgläubigkeit, einen Gott erkannten.' (13)

(13) "Ex eadem aemulatione templum Martis est, in quem videlicet Deum Romani genus, fabulosa licet credulitate, referebant."
(op.cit., S. 6,. Herv., G.S.)
Der Gesichtspunkt der Aemulatio als Movens für die Errichtung von Bauwerken im antiken Florenz wird von Bruni im Sinne einer Übertreibung ausführlich geschildert, um so den Zusammenhang zwischen dem - positiven - Aufbau der Stadt und dem von Cicero dargelegten - negativen - Ruin der sullanischen Söldner plausibel zu machen:
"Usque adeo vero aemulandi studio provecti sunt, ut etiam minus necessaria opera maiori impensa non piguerit imitari. Productis ad septimum usque miliarium arcubus, fontes accepti in urbem du-cebantur, qui ut Romae opportuni, ubi omnis aqua gypso corrupta solo profertur, sic Florentiae superflui, ubi purissimi latices tota urbe scaturiunt. Huic publicae magnificentiae privata quoque haedificia convenisse crediderim, quamvis in privatis minus appareat. Nam publicis quidem, ut supra diximus, non contemnendae reliquiae attestantur. In his igitur aedificationibus ac caetero vitae splendore, quem Tullius memorat, occupatos, dum nec futurum prospiciunt nec parto parcunt, brevi, ut fit, tempore, pecuniae defecerunt (...).." (ebd., Herv., G.S.)
Während Cicero nur von der privaten Verschwendung dieser von allem Anfang an depravierten Gruppe von Anhängern Catilinas spricht, weiß Bruni vor allem von öffentlichen und erst in zweiter Linie von privaten Bauten der sullanischen Kolonisten zu berichten, so daß am Ende der einzige Fehler dieser optimi cives darin besteht, daß sie bei ihrem edlen Wettstreit mit der Mutterstadt übers Ziel hinausgeschossen sind und sich nicht auf öffentliche Werke beschränkt haben.

   Die Aemulatio der ersten Florentiner erklärt Bruni - ähnlich wie Luigi Marsili - mit jener Passage aus Ciceros Rede, in der dieser die sullanischen Kolonisten, die besten römischen Bürger, als desperate Verschwender charakterisiert hatte. Aus der Verprassung von Landassignationen durch sullanische Söldner macht Bruni einen Wettstreit der ersten Kolonisten mit der Mutterstadt Rom um die Pracht ihrer Siedlung, so daß in der Darstellung Brunis das antike Florenz mit seinen öffentlichen Gebäuden aus der ruinösen Vergeudung von kolonialem Landgut hervorgeht. (14)

(14) "Videntur autem hi coloni, sive levandi desiderii causa, sive amore ve-teris patriae, pleraque Romanae urbis loca aedificiaque aemulari voluisse." (ebd.)
In der zeitgenössischen Literatur ist Brunis Geschichtsdarstellung - wie die nachfolgende Rezeption zeigt - überwiegend positiv aufgenommen worden. Doch weist Lorenzo Valla in einem Brief an Pier Candido Decembrio von 1435 den Standpunkt von Brunis Laudatio Florentinae urbis polemisch zurück.
Lorenzo Valla bezeichnet Brunis Auffassung einer Übertragung der Herrschaftsansprüche Roms auf Florenz als 'Schwachsinn' (dementia) und kommentiert dessen These einer Gründung von Florenz zur Zeit Sullas sarkastisch mit dem Hinweis, dies bedeute die Abkunft vom größten Verbrecher und ersten Tyrannen Roms (a pessimo mortalium Sylla, qui primus tyrannus Romae fuit).
(Zitiert nach.: Giuseppe Petraglione in: Archivio Storico Lombardo, serie IV, vol. 8, anno 34 (1907) S. 8 f.)
In völlig widersinniger Weise interpretiert Baron (1955, Crisis, S. 469, n.52) diese Passage des Briefes Vallas nicht als zynische Polemik gegen die Florentiner Ansprüche auf eine Rechtsnachfolge Roms, sondern positiv als Beleg dafür, daß auch Valla die Auffassung einer sullanischen Gründung von Florenz vertreten habe! Barons Ausführungen erinnern über weite Strecken an die Notizen eines Buchhalters, der die Fakten akribisch sammelt, um Datierungs- und Zuordnungsfragen zu lösen, dem aber die Individualität eines Schriftstellers (oder gar der Geist einer Epoche) völlig verschlossen bleibt.

   Versucht man in einem ersten Rückblick die Geschichtsauffassung des frühen Humanismus, welche hier am Redner des Paradiso, an Salutati und Bruni beispielhaft dargelegt wurde, in ihrer Eigentümlichkeit zu erfassen, so besteht diese nicht in einer Kritik an den früheren Chroniken, deren Legenden und Grundanschauungen - so vor allem die Auffassung von Florenz als einer vornehmen Gründung und als Ebenbild Roms - in verwandelter Form wiederkehren, sondern es ist allein die Berufung auf die klassische Literatur, welche das Neue in der Beschäftigung Florentiner Humanisten mit der Ursprungsgeschichte ihrer Stadt ausmacht. (15)

(15) Wenn Baron und Rubinstein immer wieder den kritischen Charakter der frühen humanistischen Geschichtsschreibung betonen und als das wissenschaftsgeschichtlich Neue herausheben, so übersehen sie, daß gerade das lokalpatriotische Interesse der Florentiner Humanisten und die panegyrische Verherrlichung der Geschichte von Florenz einer quellenkritischen Untersuchung im Weg stehen.
Allenfalls an einigen peripheren Fragen, die nicht den Kern der florentinischen Staatsauffassung betreffen, läßt sich eine Kritik der Quellen in den Darstellungen der Frühhumanisten nachweisen.
So widerspricht Bruni z.B. unter Hinweis auf Quellenstudien dem von ihm nicht genannten Villani in der Darstellung eines Wiederaufbaus von Florenz unter Karl dem Großen, nachdem Totila die Stadt Jahrhunderte früher in Schutt und Asche gelegt habe: eine solche Zerstörung der Stadt habe es niemals gegeben ("Ego igitur magnas quidem inflictas a Totila clades, plurimam caedem factam civium et eversa moenia existimo, sed neque urbem funditus deletam, neque per medium illud tempus sine habitatoribus omnino fuisse"; Historiae, ed.Santini, S. 24 - vgl. Villani III, 1-3, ed.Dragomanni I, S. 124-130).
Umgekehrt übernimmt Bruni die Haupt- und Staatslegende einer Gründung von Florenz nach dem Vorbild Roms und durch die vornehmsten römischen Bürger, wie sie zum ersten Mal in der Chronica de origine civitatis überliefert ist (s.o.), wobei er eine Passage aus Ciceros zweiter Catilina-Rede - wie ausführlich betrachtet - geradezu auf den Kopf stellt. Daß Bruni (wie Salutati und Giovanni Gherardi da Prato) die Gründung von Florenz in die Zeit Sullas verlegt, verdankt sich allein dem Wunsch des Florentiner Staatskanzlers, eine republikanische Entstehung von Florenz zu begründen und hat mit einer kritischen Untersuchung der Nachrichten bei Sallust und Cicero nichts zu tun.

   Ebenfalls wichtig erscheinen den Humanisten die materiellen Überreste der römischen Gründung von Florenz, welche angesichts der nur spärlichen und zudem unsicheren Notizen bei Cicero und Sallust den antiken Ursprung der Stadt viel besser bezeugen konnten. Dieser richtige, aber keineswegs neue Rekurs auf römisch-antike Überreste kulminiert dann freilich im Hinweis auf den einzigen, unversehrt erhalten gebliebenen Hauptzeugen der Stadt, das Baptisterium, der ehemalige Marstempel. Dieser Hinweis ist freilich weder antiken Quellen noch archäologischen Befunden, sondern - was besonders bei Salutati deutlich wird - dem Chronisten Villani entlehnt, ohne daß die Humanisten zu einer Untersuchung von dessen Angaben fortgehen würden.

   Ihre Aussagen zur Florentiner Frühgeschichte erweisen sich vielmehr als eine Modfikation der Villanischen Auffassung (mit dem Gründer Sulla anstelle von Caesar), ergänzt durch Literaturzitate aus Sallust und Cicero, welche gleichzeitig in sinnentstellender Weise zum Beleg für den vornehmen Ursprung der Stadt verwendet werden.

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