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Vasaris
Wiedergabe
zweier Baunachrichten
des
Chronisten
Villani

Vasaris Bekenntnis zum antiken Charakter des Baptisteriums und ehemaligen Marstempels - und es ist nichts weiter als ein Lippenbekenntnis - beruft sich wie gesehen (in der Vita des Andrea Tafi der Ausgabe von 1568) auf den Chronisten Villani.
In der Wiedergabe zweier Baunachrichten zum Florentiner Baptisterium greift Vasari erneut auf diese Quelle zurück.

Vasari weicht jedoch in bezeichnender Weise von seiner Vorlage ab, was die Forschung entweder mit Stillschweigen übergangen oder als ‘Flüchtigkeit’ bzw. ‘Mißverständni s’ Vasaris abgetan hat.


Gerhard Straehle weist nun in seiner Studie nach, daß die Abweichungen Vasaris von seiner Quelle keineswegs einer Nachlässigkeit oder einem Miißverständnis geschuldet sind, sondern notwendig dazu dienen, die Marstempel- Rekonstruktion Vasaris im Gründungsbild pseudohistorisch zu rechtfertigen.
 

In einer für die Ausgabe von 1568 völlig neu verfaßten Vita des Arnolfo di Cambio (Arnolfo di Lapo) teilt Vasari eine Baunachricht zum Baptisterium mit, die er dem Chronisten Villani entlehnt hat. Dieser hatte, wie erwähnt, zum Jahr 1293 berichtet, daß die zuvor in Macigno ausgeführten äußeren Kantenpfeiler des Baptisteriums (i pilastri de’ gheroni) durch wechselnde Steinlagen aus schwarzem und weißem Marmor ersetzt worden seien (di marmi bianchi e neri .. che prima erano di macigni).   (1)

    (1)  Vgl. Villani VII.I, 3, ed. Dragomanni II, S. 8 f.

Die vorher einheitlich in Macigno ausgeführten Kantenpfeiler hatten so ein neues, durch den Wechsel zweier Steinschichten bestimmtes Aussehen erhalten.

Vasari aber verändert diesen Bericht in einem entscheidenden Punkt: in seiner Wiedergabe erscheint der Wechsel der Steinschichten als ursprünglich:

Arnolfo di Cambio ließ ... ‘die acht Seiten derselben Taufcapelle (..) mit schwarzem Marmor aus Prato verkleiden, indem er die Sandsteine herausnehmen ließ, welche früher zwischen jenen alten Marmorn angebracht waren.’ (2)

    (2)  Vasari [1568], ed. Schorn/Kliemann I, S. 74.

    (Arnolfo fece) “(...) rincrostar poi di marmi neri di Prato tutte le otto facciate di fuori di detto S. Giovanni, levandone i macigni che prima erano fra que' marmi antichi.” 
    (ed. Barocchi/Bettarini II, S. 53; Herv.,G.S..)

   Die Baumaßnahme, die sich bei Vasari auf den ganzen Außenbau bezieht, betrifft den Austausch einer minderen Steinsorte durch eine wertvollere, was am Wechsel der Steinlagen, und damit am prinzipiellen Erscheinungsbild des Außenbaus nichts ändern konnte.

Vasari spricht von der Ersetzung des Sandsteins durch ‘schwarzen Marmor’  (3)  und bezeichnet dies ausdrücklich als ‘Wiederinkrustierung’ (rincrostrar di marmi neri), bei welchem die Macignosteine entfernt (levandone i macigni) und dafür die schwarzen Marmorsteine eingefügt worden seien, und zwar, wie er genau beschreibt, zwischen den nicht ausgetauschten alten Marmorsteinen (fra que’ marmi antichi). 

    (3)    Dieser ‘schwarze Marmor’ (marmo nero) wird seiner gräulich-dunkelgrünen Farbe wegen auch verde di Prato genannt. Daß er dunkler ist als der - nach Vasaris Version - ersetzte Sandstein und deswegen - folgt man weiter Vasaris Version - das Erscheinungsbild des Baptisteriums (und vormaligen Marstempels) verändert haben müßte, macht hier nicht den entscheidenden Punkt aus. Es kommt Vasari darauf an, den Wechsel, den Kontrast zweier Steinschichten als ursprünglich, und damit auch das Merkmal der Kantenpfeiler seiner Marstempelrekonstruktion als antik zu erweisen.

Aus Villanis Maßnahme einer völligen Neuinkrustierung der Kantenpfeiler mit wechselnden Steinlagen (die vorher einheitlich aus Macigno waren) macht Vasari eine Restaurierungs- und Erhaltungsmaßnahme der Außenwände (tutte le otto facciate di fuori di S. Giovanni) mit der Auswechslung alter Steinlagen, eine Maßnahme, welche die Erscheinung ‘aufpolieren’, aber den Außenbau in seiner Struktur nicht verändern konnte, welche nach wie vor durch den Wechsel von Steinschichten bestimmt war.

Sieht man diese auf den ersten Blick geringfügige Abänderung des zeitgenössischen Berichts Villanis   (4) vor dem Hintergrund von Vasaris Marstempelrekonstruktion im Gründungsbild, so erscheint diese Abänderung durch die eigene bildliche Darstellung motiviert gewesen zu sein.

    (4)  Der Bericht Villanis (um 1276 - 1348) muß als der eines Augenzeugen gelten, welcher in diesem Fall Quellenwert besitzt.

Denn nur durch diese Umdeutung des Villanischen Berichts ließ sich die Streifeninkrustation der Kantenpfeiler als ursprünglich und damit als Merkmal des antiken Marstempels historisch plausibel machen.   (5)

    (5)  Paatz (1941, II, S. 175 u. n. 23) hat auf die Umwandlung des Villanischen Berichts durch Vasari aufmerksam gemacht, doch deutet er sie als Irrtum (“Vasari deutet den Wortlaut Villanis irrtümlich dahin, daß damals die gesamten Außenwände inkrustiert worden seien”).

             Die vorliegende Analyse versucht zu zeigen, daß es sich bei Vasaris Abänderung nicht um einen Irrtum, sondern um die bewußte Umformulierung einer Quelle handelt, die den Zweck verfolgt, das Erkennungsmerkmal von Vasaris eigener Marstempelrekonstruktion, die inkrustierten Kantenpfeiler, im Nachhinein als ursprünglich antik zu erweisen.

             Die moderne Forschung hat dieser Differenz, wenn sie sie bemerkt hat, keine weitere Bedeutung beigemessen. (Vgl. Morolli 1994, S. 42 u. n. 31; mit falscher Quellenangabe für Villani: VII.I, 51 [3].)

             Rocchi sieht in Vasaris Bezug auf Villani einen Beleg dafür, daß auch Vasari die Streifeninkrustation der Kantenpfeiler für mittelalterlich gehalten haben muß:

    „Nella ricostruzione del Vasari vi è una compresenza di elementi che si potevano anche ritenere classici, come le colonne, con elementi indubitabilmente medioevali, come le lesene zebrate, che il Vasari non poteva ignorare come tali, visto che nella Vita di Arnolfo di Lapo richiama il Villani in proposito: «...rincrostar poi di marmi neri di Prato tutte le otto facciate di fuori di detto San Giovanni...».”  (Rocchi 1996, S. 28)

             Rocchi erkennt nicht, daß Vasari den Bericht Villanis so abändert, daß bereits der frühere, antike Zustand am Außenbau des Marstempels einen Wechsel der Steinlagen aufweisen mußte.

             Andererseits vermag Rocchi anhand einiger Passagen aus der Vitades Alberti zu zeigen, daß Vasari die Streifeninkrustation (lisene zebrate) keineswegs für eine antike Bauform gehalten haben kann:

    „Il Vasari si era già trovato in una situazione analoga riguardo al compimento della facciata di Santa Maria Novella, là dove l’Alberti introduce le medesime lesene zebrate, per di più in due ordini sovrapposti: se le angolate zebrate della parte inferiore della facciata si sarebbero potute ancora giustificare col rispetto del preesistente, consigliato in un passo del Trattato, l'attico a tempio classico che corona la facciata, scandito da quattro lesene zebrate ancorché separato dai motivi delle parti sottostanti, sarebbe potuto essere del tutto affrancato da citazioni trecentesche; si ag­giunga che l'Alberti nel Santo Sepolcro Rucellai, libero da ogni contesto, impiegò tuttavia motivi dicromi tolti di peso da Santa Maria del Fiore, dal Campanile e persino, nella ghirlanda di coronamento, dall'architettura gotica francese e veneziana.“  (ebd.)

             Wenn Vasari dennoch – sozusagen wider besseres Wissen – den Villanischen Bericht in der Weise abändert, daß die Streifeninkrustation bereits dem antiken Bauwerk angehört haben muß, dann kann dies allein der Rechtfertigung seiner Marstempel-Rekonstruktion im Gründungsbild gedient haben.

Hatte Vasari durch die Umdeutung von Villanis Bericht die Marmorinkrustation des Baptisteriums als ursprünglich erwiesen, so konnte der antichissimo tempio von San Giovanni auch zum Vorbild für die Fassade von San Miniato werden.

Eine weitere Baunachricht Vasaris stellt nicht eigentlich die Umformung einer überlieferten Nachricht des Villani dar, sondern ersetzt eine Mitteilung des Chronisten durch eine blanke Erfindung Vasaris.

In der ebenfalls weitgehend neu verfaßten Lebensbeschreibung des Andrea Tafi erwähnt Vasari am Ende beiläufig, daß ein Teil von San Giovanni, soweit er sehe, nicht dem Ursprungszustand zugerechnet werden könne, nämlich die Kuppel.  (6)

    (6)  “(...) avendo già detto che da quel tempio s'ebbe la buona architettura che oggi è in uso, aggiugnerò che, per quel che si vede, la tribuna fu fatta poi (...).”  (Vasari [1568], ed. Barocchi/Bettarini II, S. 75; Herv., G.S.)

Bei Giovanni Villani erscheint die Kuppel bzw. das Dach als ursprünglich, denn der Chronist berichtet von einer Öffnung im Dach bzw. im Gewölbe, welche 1150 durch den Aufbau der Laterne verdeckt worden sei, nicht jedoch von einer späteren Erbauung oder baulichen Veränderung dieser Kuppel selbst.

Stellt man nun Vasaris Behauptung einer späteren Errichtung der Kuppel (la tribuna fu fatta poi (7) neben seine Rekonstruktion im Gründungsbild, die weder ein Gewölbe noch ein Dach aufweist, so erscheint sein Hinweis einer späteren Errichtung der Kuppel wiederum wie eine nachträgliche Bestätigung für seine eigene Marstempelrekonstruktion.

    (7)  Daß Vasari in diesem Zusammenhang mit dem Wort tribuna dieKuppel (und nicht etwa das Altarhaus) meint, geht aus seiner zuvor gegebenen Beschreibung hervor („la tribuna di S. Giovanni la parte di sopra, dove sono le Potestà, i Troni e le Dominazioni“; loc.cit., S. 73 f¸Herv., G.S.):

    Die Formulierung le Potestà, i Troni e le Dominazioni ist nicht nur eine Beschreibung des obersten Registers der Kuppelmosaiken von San Giovanni, sondern findet sich in der Kuppel auch oberhalb der bezeichneten Figuren als Bestandteil der Inschrift (DOMINATIONES / POTESTATES / ARCANGELI / ANGELI / PRINCIPATUS / VIRTUTES / TRONI; vgl. Battistero I, fig. 724; Herv., G.S.).  - Den Altar nennt Vasari l’altare, den Altaranbau aber scarsella („nella scarsella dopo l'altare di detto S. Giovanni“; op.cit.. S. 76). 
       - Wann die Kuppel (la tribuna) des Baptisteriums errichtet worden ist, läßt Vasari völlig offen.Durch die Datierung der Kuppel auf einen späteren Zeitpunkt (nach Errichtung des Ursprungsbaus) und durch den Verzicht, die näheren Umstände von der Erbauung dieser Kuppel zu eruieren (aggiugnerò che, per quel che si vede, la tribuna fu fatta poi) verschafft sich Vasari im nachhinein die Voraussetzung für seine eigene Version im Gründungsbild, in welchem er den oberen Abschluß des Marstempels ohne Rücksicht auf das erhaltene Baptisterium rekonstruiert und statt mit einer Kuppel oder einem Dach mit einem vortretenden Kranzgesims abschließen läßt.

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